Das Haus Soll Wieder Aufgebaut Werden
von T. Austin-Sparks

Kapitel 2 - Die Ständige Kontroverse un der Konflikt

Es ist eine Sache von sehr einfacher Evidenz und Beobachtung, dass, noch bevor man über die ersten drei Kapitel der Bibel hinausgekommen ist, auf alle Elemente des Konfliktes und der Kontroverse eingegangen wird. Und von da an sind durch die ganze Bibel hindurch diese Elemente des Konflikts und der Kontroverse selten abwesend. Das Buch ist ganz einfach voll davon, bis wir die letzten beiden Kapitel erreichen; dort hört der Konflikt auf, die Kontroverse ist erledigt, und dies für immer. Doch wie wir in unserem ersten Kapitel aufgezeigt haben, ist das Zentrum der Vollendung, das abschließende Ergebnis, das von Anfang an die Ursache für diesen ungeheuren Konflikt gewesen ist, dies: «SIEHE, DAS ZELT GOTTES BEI DEN MENSCHEN! UND ER WIRD BEI IHNEN WOHNEN; UND SIE WERDEN SEINE VÖLKER SEIN, UND GOTT SELBST WIRD BEI IHNEN SEIN, IHR GOTT» (Offenb. 21,3).

Wenn wir einen genaueren Blick in diese Angelegenheit werfen, ist es sehr eindrücklich festzustellen, dass sie sich unweigerlich auf eine Sache bezieht und darauf konzentriert: nämlich, Gottes Platz in dieser Welt, und besonders auf ein Volk für seine Wohnung. Das ist, wie wir sagen, der Knochen, um den gestritten wird, der Punkt, in dem sich das ganze Problem bündelt. Darum geht es schon im Garten am Anfang, mit dem ersten Menschenpaar. Es ist eine allzu schöne und glückliche Szene - für ein erhabenes Wesen - zu sehen, wie Gott mit den Menschen wandelt und spricht, wie er gesegnete Gemeinschaft mit Menschen pflegt, in einer Umgebung von Frieden, Ruhe und Ordnung - das ist eine viel zu schöne Angelegenheit, die man nicht unangegriffen lassen konnte. Irgendwie muss eine Situation herbeigeführt werden, die diese Gemeinschaft unterbricht, wenn möglich beendet, oder sie zumindest suspendiert und Gott vertreibt. Das war der springende Punkt damals - Gott hier gegenwärtig unter den Bedingungen der Gemeinschaft mit Menschen. Viele andere Dinge mochten sich auch noch darum drehen, doch das war der problematische Punkt in der ersten Familie. Eine Familie in heiliger und geistlicher Gemeinschaft mit Gott ist etwas, das nicht ohne Angriff bleiben wird. Und so finden wir die Familie in einen Zustand des Konflikts geworfen, und ein Bruder tötet den andern.

Es ist auch der entscheidende Punkt in der Geschichte der auserwählten Nation, in all ihren unterschiedlichen Phasen und Abschnitten. Darum ging es, als die auserwählte Nation in Ägypten war. Was war es, das Gott beabsichtigte? Man findet es in seiner Aufforderung an Pharao, den König von Ägypten: «Lass mein Volk ziehen, damit es mir dient» (2. Mose 7,16). Wir wissen aus der späteren Geschichte, was das bedeutete - Gott inmitten eines Volkes. Und die große Kontroverse und der Konflikt in Ägypten wurde seitens der finsteren Mächte aus der Realisierung heraus geboren, dass, wenn das geschieht, Gott das bekommen würde, woran er seit je sein Herz gehängt hatte, um es zu erhalten, und das musste um jeden Preis verhindert werden. Gott bekommt die Kinder Israels heraus in die Wüste, macht es zu seinem Volk, zu seiner Wohnstätte; aber, als sie in der Wüste waren, am Fuße des Berges versammelt, und Moses auf den Berg hinauf stieg, was geschah dann? Beachtet, dass Moses hingeht, um das Muster der Stiftshütte entgegenzunehmen, in der Gott inmitten seines Volkes seine Residenz aufschlagen wird, und für diese Stiftshütte wurde Gold benötigt in dem großen Symbolismus der göttlichen Natur; und dieses Gold wurde aus Ägypten herausgebracht. Während Moses auf dem Berg verharrte, was geschah dann? Wieder tritt hier die Herausforderung des göttlichen Vorsatz auf, und das Gold wird Gott gestohlen und zu einem Stier verarbeitet, der anstelle Gottes angebetet werden sollte!

Es ist alles Teil der einen, langen Geschichte. Und so geht es in ihrer Geschichte weiter, als sie durch die Wüste hindurch waren und ins Land kamen. Salomo baute seinen Tempel und Gott nimmt darin Wohnsitz. Doch unmittelbar bevor dieser Tempel hereingebracht und gebaut wurde, ereignete sich eine weitere, furchtbare Sache. Es heißt: «Und Satan stand auf gegen Israel und reizte David, Israel zählen zu lassen» (1. Chronik 21,1). Wir kennen die Geschichte. Das Zählen war natürlich bloß ein Stück Eitelkeit - die Eitelkeit des menschlichen Herzens; «Köpfe zählen»; imstande sein, zu sagen: «Was für ein großes Volk habe ich, und was für ein großer König bin ich doch!» Selbst ein Mann der Welt, der über wenig, wenn überhaupt über irgend welche geistliche Wahrnehmung verfügte - Joab - durchschaute es und bedrängte den König, es nicht zu tun. Doch dieser bestand darauf, und dann musste er mit Gott abrechnen. Das Ergebnis - die Verwüstung der Nation; bis schließlich, als die Plage über das Volk hinweg fegte und es niedermähte, der Engel des Herrn David bei der Dreschtenne Ornans, des Jebusiters, entgegentrat - und diese wurde zum Sitz des Tempels.

Was für ein Kampf, was für eine ständige Kontroverse um diese «Wohnung Gottes»! Der Tempel wurde gebaut, und dann, als die Nation ihren eigentlichen Höhepunkt erreichte, indem eine Wohnung für Gott realisiert wurde, verfehlte sich der Erbauer des Tempels selber und machte gemeinsame Sache mit dem, was man einen andern Gott außerhalb von Israel nennt. Und es ging nicht lange, bis die Nation zweigeteilt wurde. Die Abwärtsbewegung nahm schnell an Schwung zu, und der Herr verließ den Tempel. Das Ende dieser Bewegung war die Verschleppung nach Babylon: Der Tempel, Jerusalem, von Gott aufgegeben; ein Volk in Gefangenschaft. Nach siebzig Jahren kehrte ein Überrest zurück und begann, den Tempel wieder aufzubauen. Die Geschichte wird uns in den beiden Büchern Esra und Nehemia erzählt - und was für Bücher des Konflikts sind sie doch! Hier haben wir es wieder; es ist, als hätte etwas oder jemand gesagt: «Nein, niemals, wenn wir es verhindern können!» Und tatsächlich waren sie teilweise erfolgreich, denn an einem bestimmten Punkt lesen wir: «Damals hörte das Werk am Haus Gottes in Jerusalem auf» (Esra 4,24).

In dieser Atmosphäre des Konflikts und der Kontroverse schließt das Alte Testament. Und mit dem Beginn des Neuen Testaments kommt, wie wir in unserem ersten Kapitel gesehen haben, Gott zu seiner abschließenden Realisierung entlang zweier Linien. Zuerst nimmt er als «Immanuel» in seinem Sohn fleischliche Gestalt an - als «Gott mit uns». Doch gerade seine Gegenwart löst die bitterste Kontroverse aus um genau diesen Punkt, den Tempel. Alles konzentriert sich und kreist rund um diesen Tempel. Ihr erinnert euch an die Beschuldigung, die ihm den Tod einbrachte; sie lautete: «Er redete von der Zerstörung des Tempels». Er sagte: «Zerstört diesen Tempel, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufrichten» (Joh. 2,19). In ihrer Blindheit gegenüber der wahren Bedeutung interpretierten sie diese Aussage dahingehend, er meine, der große Tempel in Jerusalem werde zerstört werden. Natürlich wurde er zerstört! Doch diese seine Worte führten zu seinem Tod! Einige Jahre später griff Stephanus diese Sache wieder auf, und mit Worten, die fast ein Echo auf diejenigen Salomos darstellten, erklärte er: «Der Höchste wohnt nicht in Tempel, die von Menschenhand gemacht sind» (Apg. 7,48). Und diese Worte ließen einen Sturm von Zorn und Wut über ihn hereinbrechen. Das war der Kernpunkt von allem, und es ist höchst bedeutsam. Und schließlich, als der persönliche Christus wie ein Weizenkorn in die Erde gesät worden und gestorben war, auferstand er in der gemeinschaftlichen Form eines Kerns seiner Gemeinde, um die «Wohnung Gottes» in Wirklichkeit zu bilden, und was für ein Sturm brach da über ihn herein! Es ist das Signal für neue Ausbrüche dieses selben, schrecklichen Antagonismus.

Die tragische Geschichte der Trennungen

Das ist die Wurzel der ganzen traurigen, tragischen Geschichte von Trennungen und Schismen, Konflikten, Streitigkeiten und Auseinandersetzungen unter Christen durch die Jahrhunderte hindurch. Dahinter steckt eine einzige Entschlossenheit - Gott wird seine Wohnung nicht bekommen, wenn es auf irgend eine Weise verhindert werden kann; damit muss Schluss gemacht werden! Denn es gibt für das Reich der Finsternis keine größere Bedrohung als ein Volk von dieser Art: ein Volk, dem gegenüber sich Gott ganz verpflichtet hat, weil es ihm den Grund dafür liefert, dort sein zu können - ganz einfach in gesegneter Gemeinschaft unter ihm zu sein. Wir glauben, dass wir in der «Endzeit» leben; und in dem Maße, wie sich das Ende nähert, wird sich, trotz allem Reden und trotz allen Bemühungen um Vereinigungen und Zusammenschlüsse usw. der Geist des Misstrauens, der Furcht und der Missverständnisse, nur noch intensivieren. Die Atmosphäre des Christentums ist davon imprägniert, bis es den Anschein hat, dass auch das letzte, kleine Dinge, wenn immer möglich, auch noch eine Trennung erleidet. Die Unterschiede vervielfachen sich die ganze Zeit.

Warum gibt es im Bereich der Interpretationen und christlicher Beziehungen so viele Unterschiede und Kontroversen? Aus diesem einen Grund. Ihr könnt sagen, es sei aus diesem oder jenem Grund oder habe andere Ursachen; ihr könnte es auf viele Hundert andere Dinge zurückführen, die Trennungen verursachen, doch wollen wir direkt ins Herz und an die Wurzel der Sache kommen. Jedes einzelne Ding, das als Vorwand dienen mag, bezieht sich auf den einen, wahren Grund, der umfassend und alles beherrschend ist: nämlich ein geistliches Bezogensein des Volkes Gottes, um ihm das zu verschaffen, was seit Ewigkeiten in seinem Herzen gewesen ist - eine Wohnung, ein Gegenwärtigsein seiner selbst unter den Menschen. Das ist das Herz der Sache. Die ganze traurige und schreckliche Geschichte bezieht sich auf diese gemeinschaftliche Idee - am Anfang der Mann und seine Frau; dann zwei Brüder; als nächstes die Familie, zwölf Brüder, die zu zwölf Stämmen wurden; das Muster der Stiftshütte, usw. Es hat stets eine unauslöschliche Entschlossenheit gegeben, entweder sie zu verhindern, oder sie zu zerrütten, sobald es auch nur den Anschein hat, sie sei vorhanden. Immer und stets war der Angriffspunkt das Volk Gottes in himmlischer Gemeinschaft, mit Gott in seiner Mitte.

Es ist daher vollkommen evident, dass in diesem Universum eine Macht und ein System existiert, das der Verwirklichung dieses göttlichen Vorsatzes äußerst antagonistisch gegenübersteht. Dieses Phänomen ist keine natürliche Sache. Es stimmt, manchmal scheint es gute und menschliche Gründe dafür zu geben. Doch geht hinter all das, und ihr stellt fest, dass alles von diesem Bereich, von dieser Hierarchie ausgeht, die dieser einen Sache antagonistisch gegenübersteht.

Und es ist diese eine Sache. Wir sprechen von der «militanten Gemeinde»; was aber meinen wir mit der MILITANTEN Gemeinde? Nun, unsere Vorstellungen sind gewöhnlich objektiv, wenn wir so reden. Wir denken da an eine Gemeinde, die das Heidentum, den Paganismus, die Weltlichkeit, das Laster, schlechte soziale Zustände, das Leiden und seine Ursachen angreift. Vielleicht meinen wir das mit der «militanten» Gemeinde; doch wie wahr und richtig das auch immer sein mag, Tatsache ist, dass die «militante Gemeinde» ihren Feldzug von innen her sabotiert vorfindet - sie ist schon geschlagen, bevor sie überhaupt mit dem Kämpfen beginnt. Sie kann nicht als gemeinschaftliches Ganzes kämpfen, weil sie schon aus Mangel an Ausdruck dieses einen, auf einander bezogenen, gemeinschaftlichen Lebens von innen her verkrüppelt ist. Ja, der Feind ist auf heimtückische Weise ins Innere der Dinge gelangt, und er hat die «militante» Gemeinde geschwächt und gelähmt.

Ihr seid womöglich vertraut mit der Geschichte im Leben von Spurgeon. Die Studenten seines Colleges hielten vor ihm ihre Probepredigt, und ein junger Mann hatte Epheser 6 zum Thema gewählt. In einem großen Versuch, eloquent zu erscheinen und zu beeindrucken beschrieb er den Krieger, die Waffenrüstung, und ihn selbst, wie er sie überzieht; und dann, in der vollen Rüstung, trat er mit großer Kühnheit vor und rief: «Wo ist nun der Feind?». Mr. Spurgeon, unter den Zuhörern sitzend, schlug seine Hände zusammen und rief: «Im Innern der Rüstung».

Diese Geschichte trifft den Punkt sehr genau. Die Gemeinde bewegt sich nicht «wie eine mächtige Armee» vorwärts - es ist nicht wahr:

«Wie eine mächtige Armee bewegt sich die Kirche Gottes!»

Leider trifft es nicht zu, dass sie «furchtbar ist wie eine Armee mit Bannern» (Hohel. 6,4.10). Satan hat dafür gesorgt; er hat die Lüge dazu geliefert. Worum geht es? Wir müssen mit mehr als nur mit den menschlichen Faktoren und den natürlichen Elementen rechnen. Ich möchte nicht die Türe öffnen für eine morbide Beschäftigung mit dem Dämonismus, doch haben wir vielleicht aus Angst das Pendel ins andere Extrem schwingen lassen. Entweder akzeptieren wir die Bibel, oder wir verwerfen sie; und wenn wir die Bibel so akzeptieren, wie sie ist, dann müssen wir die Tatsache eines großen, bösen geistlichen Systems akzeptieren, das sich keine Ruhe gönnt, das pausenlos auflauert und aktiv ist, stets nach jeder möglichen Gelegenheit und jeden möglichen Grund Ausschau hält, um sie gegen diese eine Sache zu benutzen - die absolute Einheit des Volkes Gottes, die ihm eine Wohnung verschafft, die zu ihm passt. Wir müssen dieses große System zur Kenntnis nehmen, und müssen ganz entschieden damit rechnen.

Taubheit gegenüber der wahren Ursache

Es scheint irgend eine seltsame Dumpfheit, eine Taubheit in dieser Angelegenheit über der Gemeinde zu liegen - eine Tatsache, die schon in sich selbst bedeutsam ist. Welcher Christ kennt z.B. nicht Epheser 6? Wahrscheinlich könnten die meisten von uns es zitieren: «Denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Herrschaften, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher der Finsternis dieser Weltzeit, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen» (Eph. 6,12). Wer kennt das nicht, mindestens dem Wortlaut, der Sprache nach? Doch wer ist wirklich schon angetrieben worden, zu erkennen, was das für die Gemeinde bedeutet - anzuerkennen, dass dieses Wort die Zusammenfassung der größten Offenbarung dieser Gemeinde ist, die der Menschheit je gegeben wurde? DARAUF bewegt sich der Apostel zu mit seiner großen Enthüllung der Gemeinde mit ihrer vergangenen, ewigen Erwählung, mit ihrer himmlischen Berufung, mit ihrem Wandel hier mit Gott und mit ihrer kommenden Ewigkeit des Vorsatzes. Durch all das hindurch bewegt er sich auf das zu, und er sagt: «Ja - aber, auch wenn dies wahr ist, auch wenn dies Gottes Meisterstück ist, das Größte, was je konzipiert wurde, ist es gleichzeitig auch das eine Ziel der feindlichen, antagonistischen Interessen und der Aufmerksamkeit zahlloser Horden böser Geister. Die «Fürstentümer und Gewalten», die «Weltbeherrscher dieser Finsternis», die «Heerscharen böser Geister», alle sind hinter der einen Sache her, nämlich hinter der Zerstörung dieser Gemeinde, der Zertrennung dieser Gemeinde. Wir sind, wie ich sage, seltsam taub angesichts einer solchen Offenbarung: wir sind nicht aufgeschreckt worden, zu erkennen, was dies bedeutet.

Wenn all das zutrifft - und ihr werdet große Schwierigkeiten haben, wenn ihr euch aus dieser Sache heraus argumentieren wollt, sofern ihr dazu Neigung verspürt, denn, wie ich sage, die Bibel ist vom ersten bis zum letzten Kapitel voll von dieser Kontroverse und von diesem Konflikt bezüglich der Angelegenheit, dass Gott eine Wohnung für sich selbst in einem Volk haben möchte - wenn dies also zutrifft, dann müssen wir uns anpassen, wir müssen eine neue Haltung einnehmen und der Tatsache ins Auge blicken, dass diese bösen Mächte sich hauptsächlich mit der großen Totalsumme der Gemeinde befassen, um sie in so und so viele Sektionen aufzuteilen, und dass sie auch nicht Halt machen werden vor den letzten zwei individuellen Christen! Sie begannen mit den ersten beiden, und sie werden ihre böse Absicht so lange weiter verfolgen, bis sie auch zwischen die letzten beiden Gläubigen gelangt sind, um auch sie noch zu trennen.

Wenn dem so ist, dann müssen wir uns auch auf die weitere Tatsache einstellen, dass jede Trennung, jeder Zerbruch einer Gemeinschaft, letztlich nicht einfach auf menschliche oder natürliche Faktoren zurückgeführt werden kann. Sie mögen der unmittelbare Vorwand oder die Gelegenheit dazu gewesen sein, doch dahinter steckt sehr viel mehr. Wir sind in einen furchtbaren Kampf verstrickt um diese Angelegenheit des Bezogenseins - weit, weit über unsere Fähigkeit hinaus, zu überwinden oder damit fertig zu werden. Und hier kommen die Worte dieses großen Briefes uns zu Hilfe, wenn der Apostel betet, der Vater möge «euch geben, durch seinen Geist mit Kraft gestärkt zu werden an dem inwendigen Menschen». «Dem aber, der fähig ist, über die Maßen mehr zu tun als was wir bitten oder uns ausdenken können, gemäß der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei die Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen» (Eph. 3,16.20.21). Ja, wir müssen mit diesen Mächten rechnen, und uns auf eine neue Weise auf diese Sache einstellen. Wir müssen erkennen, was da wirklich geschieht, wir dürfen nicht alles auf sekundäre Ursachen zurückführen; wir müssen hinter sie zu den Erstursachen in jenem anderen, bösen Bereich vorstoßen.

Gott ist heilig; so muss auch der Ort seiner Wohnung heilig sein. Wenn dieses Trennen das Werk Satans ist, dann ist es unheilig. Die Berührung durch das Böse bedeutet, dass Gott sich dem gegenüber nicht verpflichten kann, das ihn trennt. Rief nicht der Apostel den Korinthern zu: «Ist denn Christus zertrennt?» (1. Kor. 1,13). Und ich denke, es liegt der Klang eines Schocks in seiner Frage - das ist undenkbar! Christus kann nicht getrennt werden! Darum kann er sich nie zu einer Trennung stellen. Der Heilige Geist ist EIN Geist: «Da ist», sagt der Apostel, «ein Geist» (Eph. 4,4). Es gibt nicht so viele Christusse, so viele Heiligen Geister, wie es Gläubige gibt. Wir haben keinen persönlichen und privaten Jesus, oder Heiligen Geist. Wir haben nur ihn und sie gemeinsam, und es gibt keine andere Möglichkeit, den Herrn zu haben.

Der Schlüssel zur Einheit

Nun müssen wir den Schlüssel zu dieser Einheit, zu diesem Einssein, finden. Und gerade in diesem Abschnitt spricht der Apostel von ihr als von «DER EINHEIT DES GEISTES» (Eph. 4,3). Die Einheit des GEISTES - hierin liegt der Schlüssel. Unser Einssein, unsere Einheit, ist nicht in erster Linie eine intellektuelle Angelegenheit. Es geht nicht darum, dass wir, nachdem wir die Wahrheit und Vorgehensweisen ausgedroschen haben und nach der großen Menge von Diskussionen und Argumenten wir ein bestimmtes Maß an Übereinstimmung erreicht haben und nun wissen, dass wir eins sind! Es beginnt nicht hier; das ist überhaupt nicht die Basis unserer Einheit. Selbst bei der evangelischen Wahrheit erreichen wir die Einheit nicht durch Argumente, auf intellektuellem Weg. Wir gelangen auch nicht dazu, wenn wir gemeinsam an bestimmten Unternehmungen teilnehmen, indem wir Dinge gemeinsam tun oder zusammen ein bestimmtes Stück arbeit verrichten - wir sehen etwas, das getan werden sollte, und dann entschließen wir uns, uns zusammenzuschließen, um es zu tun. Die Geschichte des christlichen Werkes ist gewiss die Geschichte davon, wie diese Sache zusammenbricht, wie sie nicht zu Ende kommt, wenn sie auf die Mächte des Bösen trifft. Nein, auf diese Weise werden wir nie eins. Wir sind auch nicht eins durch das Gefühl - durch (darf ich das Wort brauchen) Schwärmerei, nettes Geplauder, indem wir unsere Augen vor Falschen schließen, das wirklich falsch ist; das ist keine Basis für Einheit. Es geht auch nicht um eine Einheit von Idealen, und ganz gewiss nicht um eine bloß vorgetäuschte Einheit. Worum geht es dann? Es geht, wie das Wort es hier sagt, um die Einheit des Geistes; d.h. des Heiligen Geistes. Wie ich eben gesagt habe, gibt es nicht so viele Heilige Geister, wie es Gläubige gibt. «In einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden» (1. Kor. 12,13), sagt der Apostel.

Dieses Einssein ist in erster Linie grundlegend, dann aber ist es auch progressiv. Es ist grundlegend, indem wir ein gemeinsames Leben teilen. Oh, wenn wir doch nur mehr aus dieser fundamentalen Wirklichkeit machen würden! Wir wissen, dass sie wahr ist. Wären wir über die ganze Welt zerstreut und würden vielleicht einen Christen unter Hunderttausend Menschen treffen, würden wir feststellen, dass diese Sache sehr, sehr real würde. Was für eine große Sache ist es doch, allgemein gesehen, einen Christen zu treffen. Ihr schneidet nicht unmittelbar Fragen der Gemeindezugehörigkeit an, oder Fragen der Lehre, usw.; ihr stellt einfach fest, dass ihr etwas Gemeinsames habt. Und wenn wir bloß auf diesem einen Grund bleiben, welch langen Weg können wir dann mit einander gehen. Wir erkennen einen Gläubigen, einen wahren Gläubigen, überall in der Welt, ohne uns vorzustellen. Die Vorstellung geschieht innerlich! Es ist etwas Grundlegendes: Wir teilen ein gemeinsames Leben; wir haben einen Heiligen Geist, der in allen wohnt. Das ist die grundlegende Realität der Einheit; würden wir bloß mehr daraus machen.

Und dann ist dieses Einssein auch progressiv: d.h. es wächst, es entwickelt sich, es geht vorwärts und macht Fortschritte: INDEM WIR IM GEIST LEBEN. Es wird uns durch das Leben im Geist vermittelt, durch ein Leben, das vom Heiligen Geist in uns beherrscht wird. Obwohl dies schon oft gesagt wurde, muss es dennoch sehr stark betont werden: Würden wir, ihr und ich, persönlich, wirklich ein Leben führen, das der Herrschaft des Heiligen Geistes im Innern untersteht, welch großen Unterschied würde dies doch ausmachen! Denn er ist der Geist der WAHRHEIT; und wenn wir, als wiedergeborene Kinder Gottes, vom Heiligen Geist bewohnt, wüssten, dass er unseren Geist und unser inneres Bewusstsein beherrscht, und angenommen wir hätten einen falschen Eindruck von einem andern Kind Gottes, würde es nicht lange gehen, bis wir in unserem eigenen Herzen wüssten, dass der Heilige Geist mit jenem Eindruck nicht übereinstimmte. Wir hören irgend etwas über jemanden - einen falschen Bericht, ein falsches Gerücht - und nehmen es an. Doch Berichte, auch wenn sie scheinbar wahr sind, auch wenn sie aus einer authentischen und höchst vertrauenswürdigen Quelle stammten, können dennoch falsch sein; und wir können es durch den Heiligen Geist in unserem eigenen Geist wissen. Und die Herrschaft des Geistes wird zu einer Sicherheit gegen irgend eine Trennung, eine Spannung, eine zerbrochene Gemeinschaft, die nie geschehen darf, weil sie auf einer Lüge beruht - sogar wenn es eine wunderschöne Lüge wäre! Wir könnten viel Zeit damit zubringen.

Einssein - Gemeinschaft - ist ferner auch progressiv auf der Basis eines Lebens im Geist. Und wir, ihr und ich, sind als Volk Gottes berufen, ein Leben im Geist zu führen, durch den Geist zu wandeln, die Stimme des Geistes zu kennen, auch die innere Instruktion und Belehrung des Geistes. Wir benötigen lange Zeit, um es in einem größeren Maß zu lernen, aber es ist eine große Realität, die mit unserer Neugeburt beginnen sollte - das Bewusstsein eines neuen Standards von Werten, von Dingen, die sich von einander unterscheiden, von richtig und falsch, was wir tun und was wir nicht tun sollten, wie wir sprechen oder eben nicht sprechen sollten - all das sollte bei uns anlässlich unserer Neugeburt ebenfalls geboren werden. Und es sollte wachsen, und wachsen, und wachsen. Nur so wird dieses andere, böse Königreich zerstört. Nur so wird seinem Werk entgegengewirkt werden; nur so wird die Gemeinde «furchtbar» sein, wie eine Armee mit Bannern». Nur so wird Gott den Platz finden, den er sucht, zu dem er sich stellen, und an dem er wohnen und sich selbst bekannt machen kann.

Es ist ein großer Kampf im Gange, und dieser Kampf ist nicht bloß ein Kampf verschiedener Konzepte, Interpretationen und Darstellungen des Christentums. Hinter allem steckt der Kampf zwischen einer großen Absicht Gottes und der Gegen-Absicht eines großen Feindes. Möge Gott uns helfen, dass unsere Augen dafür geöffnet werden, und dass wir ganz entschieden sind diesbezüglich, wo wir in diesem Kampf stehen.


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Übersetzt von
Manfred Haller
 

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