Die heilige Stadt - das Neue Jerusalem
von T. Austin-Sparks

Kapitel 2 - Die Natur der Stadt

Wir sind mitten in einer Betrachtung der letzten Kapitel des Buches der Offenbarung, besonders jener Teile, die sich mit dem Neuen Jerusalem befassen, das von Gott aus dem Himmel herab kommt. In diesem Zusammenhang schlagt einmal drei Verse im Brief an die Hebräer auf:

«Durch Glauben hielt er (Abraham) sich in dem Land der Verheißung auf wie in einem fremden, und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung; denn er wartete auf die Stadt, welche die Grundfesten hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist» (Hebr. 11,9.10).

«sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem (12,22).

«Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir» (13.14).

Bevor wir mit unserer Betrachtung dieser Stadt weiterfahren, möchte ich ein sehr ernstes Wort in Bezug auf die Absicht dieser Meditationen sagen. Ich möchte euch sagen, dass dies nicht bloß ein Thema für eine Konferenz ist, auch nicht irgend ein Bibelstudium für eine Reihe von Versammlungen. Es ist meine starke Überzeugung, dass dies ein Wort von Gott ist in dieser ernsten Zeit, in der wir leben, und wir leben in der ernstesten Zeit in der Geschichte dieser Welt. Wenn wir wüssten, was in den Nationen dieser ganzen Welt heute passiert ist, würde eine Frage unseren Sinn füllen: «Wie lange kann das noch so weitergehen?» Dinge geschehen, die es sehr wohl möglich machen, dass viele, die heute leben, die große Veränderung in dieser ganzen Welt mit erleben werden. Wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, dass es sehr wohl möglich ist, dass innerhalb der nächsten zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre das Ende der gegenwärtigen Welt kommen könnte. Das würde bedeuten, dass dies zu Lebzeiten der mittelalterlichen Leute geschehen könnte, und mit Bestimmtheit der jungen Leute. Es ist nicht mein Wunsch, ein Alarmist zu sein, doch was ich eben gesagt habe, ist sehr wohl möglich, und es geschehen so viele Dinge in der Welt, die die Zeit sehr kurz werden lassen.

Ich prophezeie nicht, so wird niemand sagen können, ich sei ein falscher Prophet, wenn es nicht eintreffen sollte. Ich sage bloß, es sei sehr wohl möglich, und wenn dies zutrifft, dann können wir erwarten, dass Gott eine Botschaft an sein Volk sendet, um es vorzubereiten. So wiederhole ich: Das ist nicht bloß ein Stück Bibellehre für eine Woche. Dies könnte eine Botschaft vom Herrn sein, um uns auf das vorzubereiten, was sehr bald eintreffen wird.

Nun muss ich euch zurückbringen zum hauptsächlichen Thema, von dem wir früher gesprochen haben, denn das steht im Zentrum von allem anderen. Es ist dies: Das, was alles in der Geschichte dieser Welt beherrscht, ist die Natur Gottes. Als Gott diese Welt erschuf, schuf er sie als Ausdruck seiner eigenen Natur, so dass, wo immer ihr hinblicktet, ihr sehen konntet, wie Gott war. Als Gott den Menschen erschuf, beabsichtigte er, ihn zu einem Ausdruck seiner selbst zu machen. Er sprach: «Lasst uns den Menschen machen in unserem Bild, nach unserem Gleichnis» (1. Mose 1,26), was ganz einfach bedeutete, dass, wenn der Mensch so ist, wie Gott sich ihn gedacht hat, wir sehen sollten, wie Gott ist. Als er diese Schöpfung beendete, sagte er: «Es war sehr gut» (1. Mose 1,31), und wenn ihr daran denkt, wie Gott ist, so bedeutet dies für ihn, um von allem imstande zu sein, zu sagen «Es ist sehr gut», dass es wirklich seine Natur befriedigen musst.

Dann entfernte sich alles von Gott, und es missfiel ihm. Als er die Welt überblickte, konnte er keinen Ausdruck seiner Natur in ihr finden, so legte er einen Fluch über alles. Im Effekt sagte er: «Das befriedigt meine Natur nicht mehr. Ich will es nicht mehr». Von jenem Zeitpunkt an und weiter hielt Gott stets Ausschau, um etwas zu finden, das seine Natur befriedigen würde. Das ist die Geschichte des Alten Testamentes - es ist ganz einfach die Geschichte von dem, was Gott befriedigt, und was Gott nicht befriedigt. Und Gott akzeptiert oder verwirft gemäß dem, inwiefern es seine Natur befriedigt. Es ist eine lange Geschichte; aber durch diese lange Geschichte hindurch lief ein goldener Faden, wie ein goldener Faden in einem schwarzen Stoff.


Abrahams Suche

Es ist eine lange Geschichte. Sie reicht bis in die Anfänge zurück, und dann wurde sie von Abraham aufgegriffen, der, wie es heißt, «durch Glauben ... nach einer Stadt Ausschau hielt» - nun, beachtet bitte das Weitere - «deren Baumeister und Schöpfer GOTT ist». Keine Stadt, die von sündigen Menschen erbaut wurde. Wie wunderbar auch immer eine solche Stadt sein könnte, sie würde Gott niemals befriedigen. Es musste eine Stadt sein, die die Natur ihres Schöpfers, Gott, zufrieden stellte. Diese Vision wurde Abraham ins Herz gelegt, und er konnte sagen: «Irgendwie habe ich verstanden, dass Gott eine Stadt möchte, und was immer er haben möchte, muss so wie er sein und muss von ihm geschaffen sein. Es ist eine Stadt, «deren Baumeister und Schöpfer Gott ist». So haben wir gelesen, dass Abraham landauf, landab gezogen war, und während dem er dies tat, sah er diese oder jene Stadt. Er sah die Stadt Sodom und sagte: «Nein, das ist sie nicht. Das könnte Gott nie befriedigen». Dann sah er die Stadt Gomorrha. «Nein», sagte er, «das ist sie auch nicht». Dann aber sah er die Stadt Salem, das ursprüngliche Jerusalem. «Nun, das ist um einiges besser als Sodom und Gomorrha», der der Geist sprach zu Abraham: «Nein, nicht einmal diese ist es». So fuhr er fort, durchs Land hinauf und hinunter zu ziehen, und diese göttliche Vorstellung der Stadt materialisierte sich nie. Siebzig Jahre, achtzig Jahre, neunzig Jahre... und dann starb er, und er fand die Stadt nie! Der Brief an die Hebräer sagt: «Diese alle starben im Glauben, ... ohne die Verheißung zu erlangen... weil Gott für uns etwas Besseres vorgesehen hatte, damit sie nicht ohne uns vollendet würden» (11,13.40).


Das Ende der Suche

Und dann sagt dieser selbe Brief: «Doch ihr SEID gekommen... zur Stadt des lebendigen gottes, zum himmlischen Jerusalem». Es war eine sehr lange geistliche Pilgerfahrt, doch ist sie jetzt zu einem Ende gekommen. Abraham hat sie jetzt erlangt. Er ist ein Mit-Erbe mit uns.

Doch ein weiteres Mal müssen wir unsere Ideen ändern. Es gibt eine lange, lange Geschichte Jerusalems im Alten Testament, doch jenes Jerusalem hat, selbst in seinen besten Tagen, schließlich nie Gottes Natur zufrieden gestellt. Jeder, der sein Neues Testament kennt, weiß das. Habt ihr Petrus, Paulus, Johannes und Stephanus gelesen? Sie machen zum großen Teil das Neue Testament aus, und jeder hat von ihnen erfahren, dass die Dinge im Alten Testament nur Vorbilder von irgend einer geistlichen Sache im Neuen Testament waren. Lest nochmals den Brief von Petrus, und dort werdet ihr feststellen, dass er von Gottes neuem Israel spricht, und vom NEUEN Haus Gottes in Israel. Er nennt es «Gottes geistliches Haus», und redet vom Opfern «GEISTLICHER Opfer». Das ist das neue Israel. Lest nochmals Paulus, und ihr werdet finden, dass er den Galatern schreibt: «Nun, diese Hagar ist der Berg Sinai in Arabien, und er entspricht dem heutigen Jerusalem; denn sie befindet sich mit ihren Kinder in Knechtschaft. Aber das Jerusalem droben ist frei, und sie ist unsere Mutter» (4,25.26). Und dann wird er in seinem Brief an die Philipper sagen: «Unser Bürgertum ist im Himmel; von dort erwarten wir unseren Erretter» (3,20). Das ist der Übergang vom Irdischen zum Himmlischen, vom Zeitlichen zum Geistlichen.

Ihr wisst, Johannes baute sein Evangelium um Jerusalem herum; das heißt, das Johannesevangelium hat sein Zentrum in, und kreist rund um das Jerusalem hier unten, doch wenn ihr zum Buch der Offenbarung weitergeht, das vom selben Mann geschrieben wurde, ist das Zentrum das himmlische Jerusalem. Er umschreitet es, merkt sich seine Mauern. In diesen beiden Schriften hat sich Johannes vom Irdischen zum Himmlischen hinbewegt. Und dann sagt dieser wunderbare Brief an die Hebräer, die Gläubigen dieser Heilszeit seien «zum Berg Zion gekommen ... dem himmlischen Jerusalem».

Doch seht ihr, dass ist alles geistliche Sprache. Es hat einen solchen geistlichen Charakter, wie Gott ihn zu besitzen trachtet.

Nun, lasst es uns noch einmal sehr deutlich sagen: Das alles ist nur Symbolismus. Was bedeutet es wirklich? Es bedeutet ganz einfach das, worum es der ganzen Bibel geht: Gott wird seine völlige Befriedigung in seinem Sohn finden, und in einem Volk, das dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet worden ist. Es geht nicht um eine Sache oder um einen Ort - es geht um den Sohn Gottes und um die Söhne, die er zur Herrlichkeit bringt.


Die gegenwärtige Zubereitung

Wir wollen die Stadt genau hierhin bringen. Liebe Freunde, wenn ihr wirklich ein wiedergeborenes Kind Gottes seid, seid ihr ein Teil der Stadt, die Gott jetzt baut. Gott ist jetzt daran, etwas zu bauen, und dieses Bauen geht in unserem Innern vor sich - oder es sollte zumindest! Gott baut durch seinen Geist seinen Sohn in uns hinein. Christus wird in uns aufgebaut, und wir selbst werden in Christus hinein gebaut.

Das ist ein ungeheures Werk! Wenn wir wiedergeboren werden, nimmt der Heilige Geist diese Stücke von rohem Stein in Beschlag - und was für armselige Stücke von Menschheit sind wir doch! Was für armselige Stücke von Material sind wir doch für eine himmlische Stadt! Wir haben viele Ecken, wie ein Stück Stein, und der Heilige Geist sagt: «Wir wollen einige von diesen Ecken abschlagen», und so besteht unsere geistliche Erfahrung darin, dass uns die Ecken abgeschlagen werden. Ihr wisst, was ich mit «Ecken» meine! Wenn ihr meint, ihr hättet keine Ecken, dann wisst ihr wenigsten, dass andere Leute welche haben. Wir sind sehr ungehobelte Leute und passen nirgendwo hinein, und so müssen wir bearbeitet werden, um in diese himmlische Stadt zu passen. Ihr seht, diese himmlische Stadt ist etwas sehr Praktisches. Es ist sehr gut, von «Jerusalem, du goldene Stadt» zu singen, doch wenn der Heilige Geist die Ecken abschlägt, dann ist es nicht das, was wir meinen, wenn wir das singen. Der Symbolismus mag äußerst wunderbar sein, doch in Wirklichkeit geht es durch Leiden hindurch. Doch wenn die Arbeit beendet ist, werden wir sagen: «Gott hat etwas Wunderbares in mir getan! Was für eine andere Person war ich doch! Wir schwierig war es für mich, mich andern anzupassen. In der Tat, wie oft wollte ich einfach von allen fortrennen, weil ich mich einfach nicht einfügen konnte, doch Gott hat sein Werk treu weitergeführt. All die ungeschliffenen Ecken sind verschwunden, und Jerusalem ist eine Stadt «fest zusammengefügt». Erinnert ihr euch an jene Worte von Psalm 122? «Jerusalem, du bist gebaut als eine fest gefügte Stadt» (V. 3). Und Petrus sagt: «Ihr werdet als lebendige Steine aufgebaut zu einem geistlichen Haus» (1. Petr. 2,5). Ja, Gott baut seine Stadt.

Aber nicht nur sind wir Leute mit Ecken: wir sind Leute mit einer sehr rauen Oberfläche, und wenn wir uns aneinander reiben, entstehen eine Menge von Konflikten. Ihr wisst, was ich meine! Wir kommen einfach nicht glatt miteinander aus, und da nimmt der Heilige Geist das Schmirgeltuch, um uns herunter zu schleifen. Doch nein, nein, er nimmt nicht einfach ein Schleifpapier und schleift uns glatt - er stellt uns neben jemanden, der nicht so glatt ist, oder er versetzt uns in eine Situation im Leben, die nicht glatt ist. Wir möchten diese Person los werden, weil er oder sie uns in falscher Weise schmirgeln, und wir möchten dieser Situation entrinnen, weil sie uns auf die falsche Weise aufreibt. Wir möchten eine sanfte Zeit erleben, doch der Heilige Geist sorgt dafür, dass wir sie nicht bekommen. Wir werden nie eine sanfte Zeit haben, bis wir selber sanft geworden sind - und wisst ihr, was uns wirklich sanft macht? Es ist die Gnade Gottes im Leiden. Wir müssen noch viel über diesen Punkt sagen, wenn wir uns später noch mehr Gedanken über die Stadt machen.

Nun seid ihr plötzlich vom Symbolismus weg gekommen, nicht wahr? Wir haben geistliche Wirklichkeit berührt! Und diese Stadt ist nichts anderes als die Verkörperung dieser geistlichen Prinzipien.


Für die Ewigkeit bauen

Wenn ihr vom himmlischen Jerusalem redet, redet ihr von etwas Ewigem, und dies ist etwas, dessen wir uns jetzt sehr bewusst sind. Wir sind hier wiederum in den Bereich dessen gelangt, was geistlich, und nicht zeitlich ist. Der Punkt ist der: Was Gott in dem kleinen Zeitfragment unseres Lebens tut, wird zu seiner Ehre für alle Ewigkeit offenbart werden. Um die Worte des Apostels Paulus zu benutzten: «Denn unsere Bedrängnis, die schnell vorübergehend und leicht ist, verschafft uns eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit» (2. Kor. 4,17). Gott tut in diesen kleinen Leben das, was der Stadt entsprechen wird, «die aus dem Himmel von Gott herab kommt, und die die Herrlichkeit Gottes hat».

Ich vertraue darauf, dass ihr bereits anfangt zu sehen, worauf Gott hinarbeitet, und was er jetzt für alle Ewigkeit baut. So hören wir auf, von der Stadt als von einem Ort zu denken, und denken sie uns als ein Volk, das dem Bild von Jesus Christus gleichgestaltet worden ist. «Teilhaber der himmlischen Natur» (2. Petr. 1,4).


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Übersetzt von
Manfred Haller
 

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