Gottes Neues Israel
von T. Austin-Sparks

Teil 1 - Was siehst du?

«Was siehst du?»

«Und das Wort des Herrn erging an mich... Was siehst du?... Und das Wort des Herrn erging zum zweiten Mal an mich: Was siehst du?» (Jeremia 1,11.13)

«Da sprach der Herr zu mir» (Jeremia 24,3)

«der Engel... der mit mir redete... Und er fragte mich: Was siehst du?» (Sacharja 4,1.2)

«Ausspruch... den Jesaja... geschaut hat» (Jesaja 13,1)

«Und er sprach: Was siehst du?» (Amos 8,2)

Wie viel hing doch von dieser fragenden und sich ständig ändernden Methode des Herrn mit seinen Propheten ab! Die Geschichte und das Schicksal Einzelner, der erwählten Nation und der übrigen Nationen wurde von dem betroffen, was sie zu antworten imstande waren. Wir beschäftigen uns hier nicht mit den besonderen Antworten, die sie gaben, doch liegt uns das Prinzip ernsthaft am Herzen, das diesen so großen Dienst beherrscht. In dem, was wir sagen werden, berühren wir einen der entscheidendsten, wenn nicht gar den entscheidendsten Faktor in der geistlichen Geschichte. Es ist auch bei uns, wie bei ihnen, eine «Last», etwas Gewichtiges und Forderndes, denn, wie wir gesagt haben, die geistliche Geschichte und das Schicksal des Volkes Gottes hängt davon ab; und wem ist das nicht ein großes Anliegen?

Ein besonderes Gewicht erhält diese Sache, wenn wir realisieren, dass zu einer bestimmten Zeit im Leben des Volkes Gottes die Funktion der Propheten dem Vorrang vor allen anderen Funktionen gewann. Könige und Priester kamen unter die Gewalt der Propheten. Vielleicht hätte es nicht so sein sollen, aber es war nun einmal so, und das wurde zur allgemein akzeptierten Art, selbst die Ämter des Größten von allen zu definieren – unser Herr Jesus Christus als Prophet, Priester, König; wobei die prophetische Funktion die Priorität besitzt. Der Grund dafür ist sehr klar, wenn wir daran denken, dass die Funktion des Propheten dazu bestimmt war, Gottes vollen und endgültigen Gedanken hinsichtlich seines Volkes aufzuzeigen, zu repräsentieren und dafür zu kämpfen. Der wahre Prophet hat die souveräne Unterstützung Gottes auf eine Weise, dass früher oder später sein Dienst voll gerechtfertigt wird, und dass das Schicksal durch ihn bestimmt wird. So kommt es, dass wir anerkennen müssen, dass, auch wenn Gott zuweilen einige Knechte besonders in diesen Dienst eingesetzt und sie entsprechend qualifiziert hat, der Dienst selbst vom Volk verkörpert werden muss: sie sollen sein Ausdruck werden, d.h. die Repräsentierung von Gottes ganzem Sinn und Gottes Absicht.

Wenn wir uns unter den wahren Propheten Gottes bewegen, befinden wir uns in einer Atmosphäre von echter und intensiver Besorgnis. Es ist beinahe eine Atmosphäre des Notfalls und der Krise. Hier ist alles konkret, wichtig, dringend, ernst. Der Prophet ist ein Mann der Leidenschaft. Die Wirklichkeit ist die Leidenschaft dieses Dienstes, und jede Art von Künstlichkeit und Vorwand ist untolerierbar.

Nachdem wir dies gesagt haben, werden wir zu den beiden Hauptsachen gebracht, die dieser gegenwärtigen Betrachtung zugrunde liegen. Es sind das Sehen und das, was gesehen wird; das Prinzip und die Botschaft. Aber, ihr müsst verstehen, dass, auch wenn ihr euch nicht als Boten oder Propheten seht, eure geistliche Geschichte und euer Schicksal untrennbar damit verbunden ist, dass das Prinzip und die Botschaft in eurem Fall zutrifft. Wir lassen uns daher auf zwei sehr große und wichtige Dinge ein.


Das Prinzip aller geistlichen Geschichte
und allen Schicksals

Dieses ist im zweiten Wort der göttlichen Befragung enthalten: «Was siehst du?»

Wir werden wohl alle zustimmen, dass das Sehen den Fortschritt, die Gewissheit und die Sicherheit regiert.

Ohne Sicht ist der Fortschritt zumindest eingeschränkt. Für den Blinden ist die Reichweite und die Distanz des sich Bewegens ohne Hilfe begrenzt. Es bleibt auch immer ein Element der Unsicherheit, des Tastens und der Frage übrig. Ferner ist das Leben für einen, der nicht sehen kann, ein unkoordiniertes Leben. Es ist einsam und weit gehend isoliert.

So war es zur Zeit der Propheten, und wir könnten eine ganze Menge aus ihnen zitieren, wann immer sie sich darüber aussprachen. Das Neue Testament hat sehr viel mit dieser Angelegenheit zu tun, und es hält mit Nachdruck fest, dass geistliches Sehen jeden geistlichen Fortschritt, alle Kompetenz, Gewissheit, Verlässlichkeit und Dienst bestimmt. Der große Apostel Paulus führte dies mit seinem Leben und seinem Dienst auf diese einzige Sache zurück: Gott offenbarte seinen Sohn in ihm. Gott schien in sein Herz hinein, und er sagte, sein lebenslanger Dienst sei es, «ihre Augen zu öffnen» (Apg. 26,18). Jesus sagte viel darüber, und er zeigte durch eine ungeheure Tat, dass Sicht ein Geburtsrecht ist. Es war der Blindgeborene, dem er die Sicht schenkte, und das war ein «Zeichen» des geistlichen Erbes dessen, der «von neuem geboren» wurde.

Das Neue Testament ist darin sehr deutlich, dass wir nur geistlich Fortschritte machen, und nur dann weder aufgehalten, abgewendet, benebelt, verführt oder unserer Gewissheit beraubt werden, wenn wir «im Lichte wandeln», wenn wir «den Geist der Weisheit und Offenbarung» haben. Mit andern Worten, wenn wir sehen! Ferner ist die ganze Angelegenheit der Koordination im Leib Christi, der Gemeinde, und den Gemeinden an sich abhängig von der Einheit der Vision. Es ist entscheidend, eines Sinnes zu sein durch eine einheitliche Sicht. Schwachheit, erratischer Fortschritt, Mangel an Effektivität, und ein zerstörtes Zeugnis sind auf Unterschiede in der Vision zurückzuführen, und das bedeutet Unterschiede im Ziel.

Paulus sprach davon, dass man kämpfen solle, aber nicht so, als würde man in die Luft schlagen. Darin liegt ein Hauch von Humor. Offensichtlich hat er ein paar Boxer gesehen, die ungeheure Kraft anwandten und es verzweifelt ehrlich meinten, die aber in die Luft schlugen und nichts trafen. Jeder berühmte Boxer weiß, wie wichtig seine Augen sind im Kampf.

Unser geistlicher Fortschritt, unsere Stärke und das, was wir letztlich erreichen, hängt von einem anfänglichen und ständig wachsenden geistlichen Sehen ab! Unsere Zeit benötigt dringend solche Leute. In all euren Gebeten solltet ihr beharrlich um geistliche Sicht bitten!

Nun kommen wir zum Hauptteil unserer gegenwärtigen Last und Absicht; die Betonung liegt auf dem ersten Wort von Gottes Herausforderung: «Was siehst du?»

Das wird uns einen langen Weg und in sehr große Wahrheiten hinein führen. Wir müssen jedoch hier damit beginnen, dass wir es euch auferlegen. Was würdet ihr antworten, wenn man euch fragte: «Was seht ihr bezüglich des umfassenden Gedankens Gottes für diese gegenwärtige Heilszeit? Was tut Gott in diesem Zeitalter? Was ist sein Volk jetzt, und welches ist die Erklärung für die Art, wie er es behandelt? Wer seid ihr? Was seid ihr?»

Es ist die Antwort auf diese Fragen und Herausforderungen, die uns jetzt und in den folgenden Kapiteln beschäftigt. Möge der Herr uns helfen, es klar zu machen, und möge er euch helfen, es zu seiner endgültigen Zufriedenheit zu sehen! Wenn das für uns wirklich ein sehr ernstes Anliegen ist, dann werdet ihr bereit sein, mit uns sehr viel Boden zu umschreiten, denn «es muss viel Land eingenommen werden». So viel hängt von dem Geist und der Disposition ab, die in diesen Worten zum Ausdruck gebracht werden: «damit ich es (unbedingt) erreiche». Die Bibel zeigt uns, dass die Leute, die es wirklich erreichten, Leute waren, die es mit Gott ernst meinten; und auf der andern Seite waren die, die in ihrem Leben Schiffbruch erlitten, solche, die es nicht ernst meinten.

Nun: Was siehst du?

Das Neue Testament baut sich auf dem Alten auf, und das Alte Testament ist – in der Hauptsache – die Geschichte von Gottes Auserwählten. Der erste Lichtblitz scheint in jener dunklen Stunde der menschlichen Abweichung auf, als Gott andeutete, dass es einen auserwählten Samen geben würde (1. Mose 3,15). Die dünne rote Linie verläuft über ein paar wenige Individuen, die als die Patriarchen bekannt wurden, bis sie einen Mann namens Abraham erreichte. Mit ihm und von ihm aus weitet sich der Strom auf eine Nation aus, und von jenem Punkt an ist die Bibel vollständig ein Buch der Geschichte von 42 Generationen (vgl. Mt. 1,11). So ist also das Neue Testament vorwiegend auf der Geschichte Israels aufgebaut. Das Alte Testament wird im Neuen 273 Mal zitiert, und hauptsächlich in Verbindung mit Israel. Die vielen und unterschiedlichen Phasen von Licht und Schatten in der Geschichte dieser Nation werden zur Zurechtweisung, Ermahnung, Inspiration und ernsten Warnung herbei gezogen. Wieder und wieder wird irgend ein Aspekt des Lebens Israels genommen, um einen an die Christen gerichteten Appell oder eine Warnung zu unterstreichen, zu illustrieren und zu bestärken.

Das Leben und die Geschichte Israels wird in der Geschichte des Christentums rekapituliert und aufs Neue durchlebt, doch mit diesem beträchtlichen Unterschied: im Alten Testament ist alles zeitlich, irdisch; im Neuen Testament ist es geistlich, himmlisch, ewig.

Mit dem Neuen Testament sind die Tage des historischen Israel gezählt, und jene Nation wurde verworfen. Das ganze zeitliche System wird umgekrempelt und erledigt, und seine geistlichen Prinzipien werden an eine andere Nation weiter geleitet und konstituieren so ein neues Israel. Wir erwähnen hier Tatsachen, und in Kürze werden wir mehr darüber sagen.

Im Grunde ist das Neue Testament die Fortsetzung von allem, was im alttestamentlichen Israel auf der göttlichen Seite geistlich echt war. Das Neue Testament greift nicht die Dinge und die buchstäbliche Geschichte des alten Israels auf, sondern die Bedeutung und die geistlichen Prinzipien seiner Geschichte.

Folglich ist die Gemeinde des Neuen Testamentes Israel in seiner himmlischen und geistlichen Form. Alles, was sich im irdischen Leben des alttestamentlichen Israel ereignete, wird nun auf geistliche Weise entweder für die Entstehung der Gemeinde, oder zu ihrer Warnung verwendet. Die Gemeinde durchlebt aufs Neue das Leben Israels auf einer himmlischen und geistlichen Basis. Darum wird die Gemeinde «Das Israel Gottes» genannt (Gal. 6,16 und Textzusammenhang); und Petrus, nachdem er selbst diese große Veränderung durchlaufen hatte, überträgt die Hauptmerkmale des historischen Israel auf die geistliche Gemeinde (s. Mt. 21,42-44, und 1. Petr. 2,6-10). Wir werden so viele Aspekte davon aufgreifen wie wir können, um die vorherrschende Frage zu beantworten: «Was siehst du?»


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Übersetzt von
Manfred Haller
 

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