Disziplin zum Gebet
von T. Austin-Sparks

Teil 12 - Der göttliche Dienst des Aufschubs

Eine der großen Gefahren des Lebens ist die, dass wir Gottes großen Entwurf in den Details, durch die dieser praktisch verwirklicht wird, aus den Augen verlieren. Und es wurde sehr gut gesagt, dass wir den Wert jedweder Erfahrung vollständig verlieren, sobald wir sie isolieren. Das heißt, wenn ihr euren Kummer nehmt und ihn losgelöst von der großen planenden Liebe Gottes betrachtet; wenn ihr eure Verluste, eure zeitweiligen Rückschläge, eure momentanen Depressionen nehmt und darauf besteht, als wären sie die einzigen Beweise für Gottes Vorsehung, und als stünden sie in keinen Zusammenhang mit der großen zentralen Kontrolle seiner Liebe - werdet ihr ihren Wert vollständig verfehlen. Damit wir vor einer solchen Gefahr bewahrt bleiben, betrachten wir gemeinsam einige von Gottes unwahrscheinlichen, doch nie unfreundlichen Diensten.

Mit diesem kurzen Rückblick möchte ich euch bitten, das Wort aufzuschlagen, das der Anlass für unsere Betrachtung ist heute Morgen, das Wort bezüglich des göttlichen Dienstes des Aufschubs, durch welchen Gott oft sein Volk prüft. Ich bitte euch also, den Prophet Jeremia aufzuschlagen, und zwar im Buch der Klagelieder, Kapitel 3, Vers 24:

«Der Herr ist mein Teil! spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Der Herr ist gütig gegen die, welche auf ihn hoffen (warten), gegen die Seele, die nach ihm sucht. Gut ist‘s, schweigend zu warten auf die Rettung des Herrn» (Klagel. 3,24).

Ich möchte meine Betrachtung besonders auf die letzten Worte gründen: «Gut ist‘s, schweigend zu warten auf die Rettung des Herrn».

Lasst uns von allem Anfang an deutlich feststellen, dass eine der größten Schwierigkeiten im Leben vieler von uns mit der Tatsache in Verbindung steht, dass Gott manchmal die Erhörung unserer Gebet hinauszögert. Das verwirrendste Problem manches Christenlebens ist genau dies: dass Gott offensichtlich nicht antwortet, und dass er unser Schreien augenscheinlich kaum beachtet. Durch Gottes Gnade ist unser Glaube an ihn dennoch nicht endgültig gestört worden. Durch seine Gnade wurde dieser Konflikt mutig im Geheimen durchgestanden.

Außerhalb unserer Herzen würde niemand überhaupt vermuten, dass ein solcher Konflikt besteht. Doch ihr wisst, dass es einen solchen gibt, und manchmal ist das einzige Wort, das unseren Herzen entsteigt, wenn wir in Gottes Gegenwart treten, fast identisch mit den letzten Worten, die über die Lippen unseres Erlösers kamen: «Mein Gott, warum?». Das ist nicht die erste Frage im Leben eines Christen. Die erste Frage des Glaubens ist gewöhnlich die: «Wie?» Es gibt eine Phase in der christlichen Erfahrung, da wir ständig fragen «Wie?» - «Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er schon alt ist?» «Wie kann das sein?» «Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben?» «Wie werden die Toten auferweckt, und mit welchem Leib werden sie daher kommen?» Das sind einige der ersten Fragen des Christenlebens. Doch wenn wir mit dem Herrn weitergehen, wenn das Leben tiefer wird, wenn seine Dringlichkeiten heftiger auf uns lasten, wenn seine Kümmernisse akuter werden und unsere Wahrnehmung schärfer wird, dann lautet die Frage, die dem Herzen von manchem beunruhigten und bekümmerten Gläubigen entsteigt nicht mehr «Mein Gott, wie?», sondern «WARUM?»

Ich habe bereits angedeutet, dass, was viele in dieser Zeit suchen, nicht Trost, nicht Sympathie, nicht einmal die Erleichterung von unseren Lasten ist. Wir suchen eine Erklärung, eine Interpretation von Gott selbst, was er in diesem unserem Leben eigentlich tut. Einige sind bereits bis zum Punkt der Fahnenflucht betrübt, Fahnenflucht von unserer Zugehörigkeit zu ihm, Fahnenflucht von seinen Farben, weil er sich zu verspäten scheint, weil es beinahe aussieht, als würde er uns das verweigern, worum wir ihn bitten.

Und dennoch möchte ich euch daran erinnern, dass es nichts gibt, wozu uns das Wort Gottes so intensiv ermutigt wie gerade dies, zu beten. Es gibt Verheißungen im Zusammenhang mit dem Gebet, an die keinerlei Bedingung geknüpft ist. Es gibt Reichtümer, die Männern als Bundesverpflichtung zugesprochen wurden als Ergebnis ihres Gebets und Wartens auf Gott, die sie auf keine andere Weise erlangen können. Und gerade weil die Verheißungen hinsichtlich des Gebets so groß, so hoch, so weitreichend sind, verwirren uns diese Aufschübe Gottes so sehr, und wir rufen heute Morgen aus: «Mein Gott, warum?» Es gibt Zeiten im Leben, da uns nichts als schierer Glaube an Gottes Güte vor der Verzweiflung rettet; da nichts als ein schlichtes sich Verlassen auf Gottes Liebe ohne irgendwelchen sichtbaren Beweis für sie uns vor der Hoffnungslosigkeit retten kann; da nichts als fast leichtsinniger Glaube an seine allmächtige Weisheit uns davor bewahrt, in eine handfeste moralische Apathie und geistliche Lethargie hinabzusinken.

Deshalb bemühe ich mich im Augenblick, einigen hier zu einer Verschnaufpause von diesem schieren Glauben, von diesem schlichten sich Verlassen und diesem leichtsinnigen Glauben an Gott, der ihm auch vertraut, wenn sein Antlitz verhüllt ist, so dass sie nicht einmal den Zugriff seiner Hand verspüren, zu verhelfen. Faber hat gut gesungen:

«Dreimal gesegnet ist derjenige,
dem der Instinkt gegeben ist, zu sagen,
dass Gott auf dem Plan ist,
auch wenn er absolut unsichtbar ist».

Das ist der Instinkt, den zu haben Gott jedem von uns in diesen Tagen schenken möge.

Nun, diese Worte wurden vom Propheten Jeremia in einer Zeit gesprochen, da das Verlangen der Nation, ihr bestes Verlangen, vielleicht noch nie so offensichtlich war. Das Volk hatte begonnen, die Erfüllung von Gottes Verheißungen und das Wirken seiner Vorsehung zu erleben. Ihre Feinde wurden aus ihrem Land vertrieben, die Anfänge des Wiederanbaus fanden statt, und der zerbrochene Altar Gottes wurde wieder aufgebaut. Doch geschah das alles so langsam, dass sie die Langsamkeit Gottes nicht mit den klaren Zusagen versöhnen konnten, auf denen ihr Glaube an ihn beruhte. Die waren ungeduldig und störrisch unter seiner scheinbaren Inaktivität. Der Glaube sah die Anfänge Gottes, und so meinten sie, wie die Jünger in späterer Zeit, «das Reich Gottes müsse unmittelbar erscheinen».

Es wäre noch eine ganze Menge zu sagen bezüglich des Glaubens eines kleinen Kindes, das den Grund für den Aufschub nicht verstehen kann. Aber ihr werdet mich nicht missverstehen, wenn ich sage, dass noch eine Menge mehr gesagt werden müsste im Hinblick des Glaubens eines Erwachsenen, der zur Erkenntnis gelangt ist, dass Gott eine völlig andere Messskala für die Zeit hat, als wir sie gewöhnlich verwenden. Aber es ist noch einmal viel mehr zu sagen bezüglich des Glaubens eines Menschen, der vollkommen damit zufrieden ist, in der Tatsache zu ruhen, dass bei Gott tausend Jahre wie ein einziger Tag sind, und ein Tag wie tausend Jahre. Das war der Glaube von Jeremia. Er hat Einblick bekommen in die Tiefen des unendlichen Gottes, und er hat erkannt, dass er nicht in Eile ist, und dass seine Wege um so gewisser sind, weil sie nicht die offensichtlichsten sind. So wartete er ruhig und versuchte, neuen Mut, Geduld und Hoffnung im Volk zu wecken, ganz einfach, weil diese Dinge der Ausdruck seiner eigenen Seele waren. Daher sagt er: «Es ist gut für die Menschen, wenn sie angehalten werden, zu warten, so das sie in Ruhe auf die Errettung Gottes hoffen».

Ihr werdet ohne Weiteres verstehen, dass diese seine Worte von unendlich größerer Anwendungsbreite sind als bloß das Israel jener Tage. Ich glaube, sie sind das Gegenteil von jedem von uns hier heute, der verwirrt ist, weil zum Beispiel die erwartete Befreiung von der Sünde in seinem Leben nicht kam, wie er es sich vorgestellt hatte. Oder weil ihm die Bitte, die er um irgend ein Gut, von dem er meinte, es unbedingt nötig zu haben, nicht gewährt wurde. Oder weil eines der Lieben, für das er gebetet hatte, sich nicht sogleich bekehrte; und obwohl er weiter betet, hat er fast jeglichen Mut dafür verloren. Oder weil die Erweckung in seiner Arbeit, um die er sich bewusst mit der letzten Unze seiner Kraft bemüht hatte, nicht einmal am Horizont erscheint. Wir möchten wissen, warum es diesen Aufschub braucht, und welcher geistliche Nutzen darin liegt, dass wir so lange ruhig warten und hoffen müssen.

Ich bin mir ganz sicher, dass, wenn das letze Wort menschlicher Erfahrung hinsichtlich des Gebets gesagt worden ist, wir uns noch immer in der Gegenwart des größten aller Geheimnisse befinden. Jener Mensch, der meint, er wisse so viel über das Gebet, dass er imstande ist, eine Philosophie des Gebets zu zimmern, bekennt in Wirklichkeit nur, wie wenig er darüber weiß. Wer weiß, wie das Gebet geistliche Kräfte freisetzt? Warum Gott es so angeordnet hat, dass Menschen auf ihn warten sollen, indem sie ihren Willen mit dem Seinen vereinen, um die rettende Kraft seiner Gnade sowohl in ihrem Leben als auch durch sie im Leben anderer auszuüben? Im Hinblick auf dieses größte aller Themen gibt es wirklich nichts weiter zu sagen, als was Paulus über die Erkenntnis Gottes sagte: «Wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise». Aber Gott sei Dank, wir wissen! Was wir wissen, wissen wir mit einer Sicherheit, die nichts erschüttern kann. Doch wir erkennen nur stückweise. Daher sind es bloß Anregungen, die ich euch heute vorzulegen ware, Anregungen, die mit einem gewissen Maß an Licht und Ermutigung in mein Herz gekommen sind im Blick auf diese Gewissheit - dass es gut ist, wenn ein Mensch auf die Errettung Gottes wartet und hofft.

Es ist fast unnötig zu sagen, dass in diesem Wort kein Gedanke davon vorhanden ist, dass irgend jemand warten muss, bis Gott bereit ist, ihm die primären Gaben der des Verzeihens, des Friedens und der Vergebung zu gewähren, d.h. das Heil, welches seine freie Gabe in Jesus Christus ist. Der Sünder, der um Vergebung schreit, der Mühselige und Beladene, der um die Ruhe des Herzens bittet, der Einsame, der nach der Gemeinschaft der Liebe verlangt, müssen nie lange auf die Erfüllung ihres Begehrens warten. Der verlorene Sohn wird willkommen geheißen, bevor er sein vorbereitetes Bekenntnis äußern kann. Der versinkende Mann, der ruft «Herr, rette mich!», ist sich sofort des Zugriffs der mächtigen Hand Gottes bewusst. Das Evangelium Christi trägt die zeitlose Überschrift: «Dies ist der Tag der Rettung». In diesem Sinne ist es nie Gott, der die Menschen warten lässt, es sind die Menschen, die Gott warten lassen. Doch in Bezug auf diesen Aspekt seiner Barmherzigkeit, der sich mit der Anspannung unserer gegenwärtigen Züchtigung befasst, mit der Sorge um eine ungewisse Zukunft, mit der Befreiung von bevorstehendem Unbehagen, mit der Mühsamkeit unbeweglicher Lasten - in diesem Bereich möchten wir wissen, warum Gott die Sache hinauszögert. Es ist auch nichts Unnatürliches, wenn wir ungeduldig werden.

Da ist zum Beispiel ein guter Mensch, der liest, dass «alle Dinge für die zum Guten wirken für die, die Gott lieben», der jedoch in seinem Leben heute nichts als Chaos sieht. Seine Angelegenheiten wurden vollständig ruiniert. Sein Haus wurde von Kummer und Enttäuschung überfallen, bis die Nerven am Ende waren, und niemand weiß mit Sicherheit, zu welcher Stunde ein frisches Unglück passiert. Dieser Mann hat sich auf dieses göttliche Wort mit einem unmittelbaren Vertrauen in seine Wahrheit verlassen, doch das Hinauszögern der Verwirklichung seiner Erfüllung hat seinen Glauben fast zum Scheitern gebracht. Ist es da ein Wunder, wenn er sich heute fragt, das das alles soll?

Da drüben ist ein junger Mann, und dieses Wort hat seine Seele erleuchtet: «In dem allem sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat». Und doch hat er, seit er nach Keswick gekommen ist, nichts als Niederlagen erlebt, und heute Morgen ist sein Gesicht auf den Boden und nicht auf den Herrn gerichtet. Er sagt: «Was bedeutet das? Ich habe mein ganzes Gewicht, so glaube ich wenigstens, auf dieses Wort gelegt, und mein Herr zögert, mit seiner Kraft zu mir zu kommen. Was soll das bedeuten?»

Da ist auch der fleißige Mitarbeiter - ich bin ihm begegnet, seit ich nach Keswick kam - der von einem weit entfernten Missionsfeld gekommen ist, auf dem er für die letzten zehn Jahre sein Leben ausgeschüttet hat im Bestreben, das Leben eines Bürgers des Reiches Gottes zu führen, indem er sich auf dieses Wort stützte - «Mein Wort wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern wird das bewirken, was mir wohlgefällt» (Jes. 55,11). Und heute bekennt er, dass er erlebt hat, wie es kaum irgend etwas bewirkt hat. Was bedeutet das?

Da gibt es die große Verheißung, auf der jedes Glied der Gemeinde Christi gerade jetzt solider als je einen Tempel der Hoffnung baut: «Siehe, ich komme bald» (Offb. 3,11; 22,7). Es scheint, als sei Christus nie so nötig gewesen wie heute. Es scheint, als könnten internationale Beziehungen nie mehr so wiederhergestellt werden, wie wir dies bisher gekannt haben. Es scheint, als könnten die zerstreuten Teile der Gemeinde Christi nie mehr in eins zusammengebracht werden, ausgenommen bei seinem Kommen. Und die Gemeinde ruft aus: «Amen. Ja, komme bald, Herr Jesus» (Offb. 22,20). Aber da gibt es nicht ein einziges Zeichen seines Kommens. Was bedeuten diese Aufschübe Gottes?

Ich werde nun drei Dinge vorschlagen, und es sind bloße Anregungen; aber mögen sie euch Licht bringen, wie sie mir in der Vergangenheit Licht gebracht haben. Das erste, was ich zu den Aufschüben Gottes sagen möchte, ist folgendes: Nur durch ein ERZWUNGENES Warten auf ihn kommen wir dazu, Gott mit einem Wissen zu kennen, welches die Grundlage für allen Charakter bildet. Ich benutzte die Wendung «erzwungenes Warten» auf Gott, denn nur wenn wir gezwungen werden, auf Gott zu warten, warten einige von uns wirklich auf ihn. Wir sind von Natur aus ungeduldig, wir sind von Natur aus impulsiv, wir regen uns von Natur aus über alles auf, was langsam geht; und wenn nun Gott die Antwort, nach der wir Ausschau gehalten haben, zurückhält, so bewahrt er uns zu seinen Füßen, damit wir ihn kennen lernen. Er ist unendlich mehr daran interessiert, unser Leben zu formen und umzugestalten als daran, unsere Wünsche zu befriedigen. Er ist unendlich viel mehr daran interessiert, aus uns Männer und Frauen nach seinem Vorbild zu machen und sein Leben in unseren Seelen zu vertiefen, als einige der Wünsche zu gewähren, die wir oft unüberlegt in unseren Gebeten äußern. Denn wir können Gott, und daraus folgernd können wir auch uns nicht, in einer einzigen Stunde kennen lernen. Gottes Aufschübe deuten auf keinerlei Laune seinerseits hin, sondern vielmehr auf seine Sorge und sein Erbarmen für uns. Sie sind darauf gerichtet, uns davor zu bewahren, dass wir aus seiner Gegenwart eilen, bevor wir die Lektionen seiner Gnade mehr als bloß mental akzeptiert haben. Gott bereitet uns zu, indem er uns dazu anhält, auf ihn zu warten, damit wir die Gaben auf würdige Weise empfangen, interpretieren und dann auch anwenden, die er uns als Antwort auf unser Gebet und in Erfüllung seines Wortes geben möchte.

Ich sehe ständig Touristen, die London besuchen, indem sie von Park zu Palast rennen und tun, was sie «Sehenswürdigkeiten aufsuchen» nennen. Und nach einer fieberhaften Woche kehren sie nach Hause zurück und meinen, sie würden nun London kennen. Kennen sie es wirklich? Einer von Ruskins Studenten sagte einmal zu ihm, nachdem er von seinem ersten Italienbesuch zurückkam: «Sir, ich betrat natürlich sofort die Galerie in Florenz, und ich wusste sofort, was sie uns immer eingeprägt haben bezüglich der Überlegenheit Boticellis». Ruskins Antwort war recht spitz: «Oh, das haben Sie sofort gemerkt? Nun, ich brauchte 22 Jahre, um das herauszufinden!». Und so gibt es eine Menge Leute, sie würden Gott im Licht einer einzigen Erfahrung kennen! Wir werden angehalten, auf ihn zu warten, damit wir zu der Zahl jener hinzugezählt werden, die ihren Gott wirklich kennen, und die als Folge davon ermächtigt worden sind, Beute zu machen.

Gott formt uns; lasst uns während dieses Prozesses nicht ungeduldig werden. Gott arbeitet an uns; darum wollen wir nicht zulassen, dass Ungeduld und Ungestüm uns aus der Hand des Meisterbildhauers herausnehmen können. Er beseitigt die Mängel, und formt das verdorbene Gefäß neu. Die beiden Qualitäten, die wir am meisten benötigen - Ausdauer und Ausstrahlung - werden einem Menschen nicht in einer einzigen Stunde beigefügt. Gott lässt uns warten, damit wir in seiner Gegenwart, seine Herrlichkeit anschauend, in dasselbe Bild umgewandelt werden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.

Das zweite, das ich sagen möchte, ist dies. Viele unserer Gebete müssen mit dem Reinigungsmittel der Weisheit Gottes behandelt werden, d.h. mit der Liebe Gottes; viele unter ihnen müssen von Gott überarbeitet werden, bevor sie beantwortet werden können. Denn ein gutgemeintes Gebet ist nicht immer auch gut informiert. Wie zu denjenigen, die irgend etwas vom Erlösen wollten, muss er oft zu seinen Kindern sagen: «Ihr wisst nicht, worum ihr bittet!» Würden nämlich einige unserer Gebete sofort beantwortet, wäre die Folge davon fast mit Sicherheit eine moralische und geistliche Katastrophe. Unsere Gebete müssen daher, wie ich sagte, das reinigende Mittel von Gottes Weisheit passieren, manchmal schon hinsichtlich ihrer Motive. «Ihr bittet und bekommt nicht, weil ihr in böser Absicht bittet» (Jak. 4,3).

Es gibt zum Beispiel Männer und Frauen, die um Macht bitten, während ihr eigentliches Ziel eine hervorragende Position ist. Was sie mit Macht wirklich meinen, ist das, was ihnen in seinem Dienst Prominenz verleiht. Wenn unsere Motive absolut nicht zu den Worten passen, die wir äußern, werden wir angehalten zu warten, bis Gott mit dem Scheinwerferlicht seiner Liebe über uns kommt, und indem wir so die Vertrauensunwürdigkeit unserer eigenen Impulse kennen lernen, übergeben wir uns jenem gnädigen Geist, der gemäß dem Willen Gottes im Gebet für uns einsteht.

Aber nicht nur im Blick auf das MOTIV, sondern auch hinsichtlich des Inhalts unserer Gebete muss Christus wieder und wieder sagen: «Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke; seid ihr imstande, mit der Taufe getauft zu werden, mit der ich getauft werde?» Denn oft wissen wir gar nicht, was wir bitten, und daher das Ausbleiben der Antwort. Ich habe Kinder gesehen - und wir alle haben solche gesehen - die durch die schwache «gutmütige» Natur ihrer Eltern äußerst verdorben wurden, weil sie ihnen sofort alles gaben, was sie sich wünschten. Menschlicher Liebe fehlt es oft ganz an Weisheit. Bei Gott aber sind Liebe und Weisheit eines. Wenn er uns auf zweitrangige Barmherzigkeiten warten lässt, dann geschieht dies, um uns mit dem Wert den erstrangigen und geistlichen bekannt zu machen. Wir müssen lernen, dass Gottes «Nein» ebenso sehr eine Antwort ist als sein «Ja». Wir müssen lernen, dass Gottes «Noch nicht» ein ebenso echter Ausdruck göttlicher Liebe ist als Gottes «Sofort». Für jeden von uns wird der Tag kommen, da wir erkennen, dass Gottes Schweigen in Wirklichkeit sein liebevollstes Reden zu uns war. Denn wir werden entdecken, dass Gott, während er scheinbar untätig blieb, die ganze Zeit in uns gewirkt hat, indem er uns in moralische Übereinstimmung mit seinem Willen brachte, welche die Menschen allein befähigt, seine Gaben zu empfangen.

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie vor einigen Jahren in der Stadt Dublin ein Mann zu mir in die Sakristei einer Kirche kam und sagte: «Sir, ich möchte Ihnen danken für diese Botschaft über die Liebe Gottes. Ich glaube jetzt jedes Wort davon, vor sechs Monaten konnte ich das noch nicht». Seine Augen füllten sich mit Tränen; und als ich frage: «Was heißt das, mein Bruder?» fuhr er fort: «Vor sechs Monaten war mein Heim hell und glücklich; doch dann fiel der Schatten. Ich bat Gott ernstlich, er möge meine Frau und unser Kind retten. Doch er nahm sie hinweg; nun habe ich erkannt, dass er sie mir nur genommen hat, um mich zu sich zurück zu bringen, weil ich von ihm gewichen war». Gottes Schweigen im Leben dieses Mannes war sein reichstes und freundlichstes Sprechen. Andere unter uns haben diese Wahrheit ebenfalls entdeckt; und noch andere werden sie ebenfalls entdecken, bevor diese dunklen Tage vorüber sind, in denen wir leben.

Die Dinge, die wir durch Gebet loszuwerden versuchen, sind oft genau die Dinge, die wir uns am wenigsten leisten können, sie zu verlieren. Einige der Dinge, die wir Lasten nennen und die wir im Heiligtum loswerden möchten, sind die Dinge, die Gott uns auferlegt hat, um unser Leben zu festigen und unsere Energien in Kanäle zu lenken, die wir sonst übersehen oder verpassen würden. Paulus musste lernen, dass es etwas unendlich viel Besseres gab als die Beseitigung des Stachelschmerzes - etwas unendlich viel Besseres! Dreimal flehte er den Herrn an, ihn davon zu befreien - welcher zeitliche Abstand zwischen diesen Gebeten lag, wissen wir nicht. Doch ganz gewiss war Paulus, wie wir alle, durch Gottes Aufschub verwirrt. Und so fand er letztlich heraus, dass Gott etwas weit Besseres vorhatte als die Beseitigung von etwas, das eine schmerzende Wunde verursachte - «Lass dir an meiner Gnade genügen» (2. Kor. 12,9). Hätte er diesen Dornenschmerz nicht verspürt, wie die Nachtigall, von der man sagt, sie singe am schönsten, wenn ihre Brust durchbohrt sei, hätte er nie das Lied kennen gelernt: «Darum will ich mich am liebsten vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus bei mir wohne». Wenn er uns zu seinen Füßen warten lässt, lernen wir, dass er die Schnur, von der wir möchten, dass der Herr sie durchschneidet, entwirrt und sie so für Zwecke seines Dienstes (an uns) aufspart. Gottes Wege werden von seinen Kindern stets gerechtfertigt, wenn sie nur geduldig warten, bis er sich die Zeit dafür nimmt.

Bevor ich zur dritten und letzten Anregung übergehe, möchte ich sagen, dass wir eine Illustration von all dem in der Gebetslast finden, die sich für unsere Nation in zunehmendem Maße auf uns legt. Es gibt nicht wenige unter uns, die verwirrt sind und nicht verstehen, warum Gott noch nicht eingegriffen hat, um diesen schrecklichen Konflikt zu stoppen. Wir blicken von diesem Ort stiller Ruhe aus und und müssen ansehen, wie jenseits des Kanals die Söhne Gottes auf den Feldern Frankreichs und Belgiens hingeschlachtet werden; und wir schreien zu Gott, er möge der Sache den Sieg verleihen, die an sich richtig ist und derer wir uns nicht zu schämen brauchen. Und doch tut er es nicht. Nach einem ganzen Jahr, und trotz des Opfers tausender kostbarer Menschenleben, ist die Schlachtlinie im Wesentlichen noch genau dieselbe wie am Anfang. Warum setzt Gott seine Macht nicht durch unsere Streitkräfte frei, und warum bringt er nicht dadurch, dass er die Nationen zerstreut, die Freude am Krieg haben, diesen unsagbaren Streit zu einem Ende? Warum bekommen wir vom Himmel her keine Antwort, dass unser Schreien erhört worden ist? Warum schiebt er sein Einschreiten immer weiter hinaus, wenn er doch durch ein einziges Wort den ganzen Konflikt beenden könnte?

Ah! Es ist nicht so, dass Gott nicht könnte, oder dass er nicht wollte; vielmehr würde ein unmittelbarer Sieg für unser Land bloß eine Erweckung unserer nationalen Sünden in ihrer niedrigsten Form bedeuten. Als Nation sind wir weit davon entfernt, moralisch für einen Sieg bereit zu sein, denn es gibt in unserem gewöhnlichen leben wenig Hinweise dafür, dass wir die Lektionen dieser Züchtigung gelernt und uns zu Herzen genommen haben. Das ist wohl der Grund, warum Gott unsere Nation weiter warten lässt. Wir müssen noch viel tiefer erniedrigt werden. Wir müssen erst noch lernen, wofür das Gesetz Gottes steht. Wir müssen erst noch lernen, was die Hässlichkeit der Sünde in einem Menschen oder einer Nation bedeutet. Wir müssen lernen, dass die Sünde für den Menschen Schmerzen und Blutvergießen bringt, wie es für Gott Schmerzen und Blutvergießen gebracht hat. Erst dann, wenn die Nation moralisch zubereitet und erneuert worden ist, glaube ich, dass der Sieg nicht auch nur für eine Stunde weiter hinausgezögert wird. Aber er wird keine Stunde früher kommen. Darum die Notwendigkeit, dass wir still auf die Rettung Gottes warten. Und dennoch, denkt daran, letzten Endes ist nicht er es, der die Antwort auf unser Gebet um den Sieg hinausschiebt. Wir halten IHN auf.

Das Dritte, was ich sagen möchte, ist dies. Der Glaube kann nur geschult werden, wenn er geprüft wird. Wie die Muskeln eines Menschen nur durch Übung gestärkt werden können, so kann sein Glaube nur stark und letztlich unbesiegbar werden, wenn er der Disziplin der Spannung unterworfen wird. Denn solange er den Willen Gottes nicht unter Zwang, nicht weil es keine Alternative dazu gibt, sondern durch freie Wahl und frohes Nachgeben akzeptiert, fehlt dem Glauben eine wesentliche Qualität. Doch wenn wir unbewegt bleiben angesichts der Tatsache, dass wir warten müssen, wenn wir das ruhige Bewusstsein haben, dass Gottes Herrlichkeit eng mit unserem Leben und unseren Gebet verbunden ist, und damit zufrieden sind, dass, wenn er es sich leisten kann, zu warten, auch wir es können, dann haben wir eine der größten Lektionen des Lebens gelernt. Denn der Glaube erreicht seinen Triumph nur, wenn seine Ausübung aufhört, eine bewusste Tätigkeit zu sein, und zu einer instinktiven Haltung wird.

Manchmal lernen wir dies durch unsere eigenen, ungestümen Versuche, Gott zur Eile zu bewegen. Es gibt zwei herausragende Beispiele dafür. Erinnert ihr euch an Moses und an seinen ungezügelten Versuch, sein Volk zu befreien? Wie katastrophal endete das doch bei ihm! Gott musste ihn in die Wüstenschule holen und ihn für manches mühsame Jahr dort behalten. Durch sein Ungestüm hat er Gott in Schwierigkeiten gebracht; und so machen es viele von uns. Erinnert ihr euch an Abraham, der eine wunderbare Verheißung hatte, dass Gott ihm beistehen würde, mit einer so großen Vision, dass es ihm schwindlig wurde, wie er versuchte, Gottes Vorsatz ein wenig nachzuhelfen? Ihr kennt die dunkle Geschichte von Hagar und Ismael, und wo das alles später hinführte. Manchmal schiebt Gott auch die Verheißungen seiner Treue hinaus, damit auch wir lernen, wie äußerst töricht jeder Versuch unsererseits und der ganze Schweiß unserer Seelen losgelöst von ihm ist. Vergesst nicht, dass der Glaube an Gott zuerst in uns gerechtfertigt werden muss, bevor er durch uns verifiziert werden kann, und bevor wir seine wirksamen Sendboten an die Welt werden können.

Noch ein letztes Wort. Ein ruhiges Warten auf Gott hat nichts zu tun mit einer lethargischen Trägheit. Wir haben solche kennen gelernt, die ihre Nichtteilnahme an den Unternehmungen der Gemeinde Christi damit entschuldigen, dass es eben nötig sei, ruhig auf Gott zu warten. Ich will euch sagen, dass es keinen größeren Fehler gibt als den, auf subjektive Manifestationen zu warten und dabei die objektiven Gelegenheiten zu versäumen. Echtes Warten auf Gott drückt sich in der Verausgabung jeder möglichen Energie der Seele aus, wenn Anweisungen vorliegen, für deren Interpretation wir keine Stunde zu warten brauchen.

Oh, welch nachlässige Torheit des Menschen, der sich in diesen Tagen ungeheurer Gelegenheiten damit zufrieden gibt, «auf Gott zu warten», bis er Türen öffnet, «auf Gott zu warten», bis der die Gelegenheiten vermehrt, «auf Gott zu warten», bis er für ihn Erfolg und Einfluss organisiert, während er selbst nichts tut und nicht bereit ist, Opfer zu bringen - sich selbst hinzugeben, sein Leben zu verlieren um des Reiches Gottes willen! Gott arbeitet nicht mit Träumern zusammen. Wir können nicht in Gemeinschaft mit Gott leben und das Böse ungehindert frei daherstolzieren lassen, indem wir die weit geöffneten Türen der Welt vernachlässigen, die unseren Glauben und unsere Loyalität herausfordern.

Ich kann nicht vergessen, dass Gott einst zu seinem Volk sagte: «Steht, und seht die Rettung Gottes». Aber ebenso erinnere ich mich, dass dieses Wort zu Männern und Frauen, zu einer großen Schar, gesprochen wurde, die in unmittelbarem Gehorsam gegenüber ihren Führern wandelte, und die auf diesem Weg einer unpassierbaren Stelle gegenüberstanden. Es gibt Zeiten im Leben, da Gott diese Worte zu uns spricht, aber nur, wenn wir, wie Israel damals, im Lichte seines Willens wandeln.

«Wir sind nicht hier, um zu spielen, zu träumen, uns treiben zu lassen;
wir haben einen Arbeit zu erledigen, Lasten zu heben;
Scheut keine Mühe! Stellt euch ihr! Sie ist Gottes Gabe.

Sagt nicht: «Die Tage sind böse! Wer ist zu tadeln?»
Faltet nicht die Hände, und setzt euch nicht zur Ruhe - oh, welche Schande!
Steht auf, sprecht es aus, handelt tapfer in Gottes Namen.

Es spielt keine Rolle, wie schlecht die Dinge stehen,
wie stark der Kampf tobt, wie lange der Tag ist;
Kämpft weite! Kämpft weiter! Morgen ertönt das Lied!»

Während wir in dieser Energie des unmittelbaren Gehorsams auf Gott warten, wird er all seine Aufschübe rechtfertigen. Er wird es tun, während wir stehen, wie Menschen, die auf ihren Gott warten, indem wir seinen Willen mit der äußersten Anstrengung unserer Kraft tun; wissend, dass er, wenn er kommt, das vollenden wird, was uns betrifft; indem wir den Kampf bis zum Tor vorantreiben in der Zuversicht, dass er im entscheidenden Moment Verstärkung bringen wird, die den letzten Faktor zum Sieg bringen wird; indem wir ruhig warten auf das, was wir noch nicht sehen, und wir wieder und wieder zu unserer Seele sagen: «Jetzt sehen wir noch nicht alles ihm unterworfen, wir sehen noch nicht die Erfüllung all unseres Verlangens; doch wir sehen Jesus gekrönt. Gesegnet sei sein Name für immer!»


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Übersetzt von
Manfred Haller
 

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