Das Haus Soll Wieder Aufgebaut Werden
von T. Austin-Sparks

Kapitel 1 - Das Ewige Konzept und die Entscheidung

Schriftlesung: Esra 6

Das Christentum hat viele Aspekte, und christliche Leute beschäftigen sich mit diesen verschiedenen Aspekten, wie z.B. die Evangelisation, Lehre, Aufbau der Gläubigen, oder der Kampf für den Glauben. Es gibt Bewegungen, die sich vollständig dem Studium prophetischer Fragen verschrieben haben, die sich auf die Wiederkunft Christi beziehen, usw. All das ist in Ordnung. Doch diese Dinge können, und oft tun sie es auch, zu selbständigen Themen werden, so dass sie, wie gut und richtig sie auch immer sein mögen, die Wirkung haben, die Christen in verschiedene Sektionen aufzuteilen, die dann um irgend eine Interpretation, um irgend eine Lehre oder um irgend einen besonderen Gegenstand kreisen. Der umfassende, alles überragende Gegenstand Gottes, in und über allem, geht dann sehr schnell aus den Augen verloren.

Es ist die Absicht dieser Seiten, diesen Gegenstand noch besser ins Blickfeld zu rücken. Es geht uns um Gottes umfassendes Ziel und um seinen (ewigen) Vorsatz. Ich bin sicher, ihr werdet mir zustimmen, dass der Wert irgend eines Aspektes oder einer Seite der Lehre oder des Werkes weitgehend durch seine Beziehung zum ganzen Vorsatz Gottes bestimmt wird. Der Wert wird unmittelbar sichtbar, wenn man den ganzen Vorsatz erkennt, und wenn man ihn die ganze Zeit im Blick behält. Gott stellt sich nicht vollständig und ausschließlich nur zu irgend einem Teil seines Vorsatzes; er stellt sich nur vollständig zu seiner ganzen Absicht. Wenn wir möchten, dass Gott sich ganz zu uns stellt, dann wird es für uns sehr wichtig, welches die Bedingungen und der Grund für seine Verpflichtung sind.

Der umfassende Gegenstand, von dem wir reden, ist in den wenigen Worten enthalten, die wir zu unserem allgemeinen Titel erwählt haben, aus dem 6. Kapitel des Buches Esra: «Das Haus soll wieder aufgebaut werden» (Esra 6,3). Das ist Gottes umfassendes Ziel. Ihr stellt fest, dass Esra dieses Dekret durch und über das Instrument hinaus zurückverfolgt, d.h. den Herrscher, der es erlassen hat. Er führte es auf Gott zurück. Er erkannte, dass dieses Dekret, auch wenn es von einem irdischen Potentaten verkündet worden war, seinen Ursprung bei Gott hatte (V. 22). Er sagte: «Gott... der dies dem König ins Herz gegeben hat» (7,27). Es kam von Gott. Und nachdem er gezeigt hatte, dass es von Gott war, zeigt er im Rest der Geschichte, wie Gott sich auf souveräne Weise darauf verpflichtete. Gott regte das an; Gott unterstützte es; und trotz zahlreicher und großer Schwierigkeiten vollendete Gott es schließlich.

Wenn das damals zutraf, wollen wir herausfinden, wie es auch in unserer Zeit wahr werden kann. Ich glaube, dass das ganze Volk Gottes, zumindest alle echten Christen, ein großes Verlangen haben, in unserer Zeit zu wissen, was es ist, das GOTT angeregt, was es ist, das GOTT zu unterstützen und es durchzuführen sich auferlegt hat, was es ist, das Gott, trotz allem - ein großes, umfassendes Ganzes - schließlich vollenden wird. Wir wollen entdecken, wie Gott sich selber verpflichtet.

Die Ewigkeit Gottes

Das führt uns zu einem entscheidenden und grundlegenden Prinzip der Bibelinterpretation. Es ist etwas, das jeder, der mit dem Wort Gottes umgeht, erkennen sollte, und wenn wir nach unseren Bibeln greifen, sollte es stets gegenwärtig sein. Es ist ganz einfach die EWIGKEIT Gottes. Diese nackte Feststellung sagt euch zunächst wahrscheinlich nicht sehr viel. Doch die große Tatsache ist die, dass es bei Gott keine Zeit gibt. Alle «Zeit», wie wir sie kennen, ist bei Gott «gegenwärtig»; bei ihm gibt es keine Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Er ist der ewige Gott - «von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du Gott» (Ps. 90,2). Gott mag sich den Zeitperioden der Menschen und dieser Erde anpassen, doch er selbst wohnt in der Ewigkeit; seine Gedanken sind ewige Gedanken; sein Vorsatz ist ein ewiger Vorsatz. Der Architekt hat den ganzen Plan vor sich; der Baumeister hat nur den Teil oder die Teile von Tag zu Tag vor sich. Jene, die nur die Teile sehen können, mögen verwirrt sein; vielleicht verstehen sie nicht; oder, sie können sogar damit beginnen, den Teil für das Ganze zu halten. Ein Verfasser eines der neutestamentlichen Dokumente stellte diese These in diesen Worten vor: «Nachdem Gott in vergangenen Zeiten VIELFÄLTIG... zu den Vätern geredet hat durch die Propheten...» (Hebr. 1,1). Gott sprach in der Zeit, zu verschiedenen Zeiten, auf verschiedene Weisen, und in verschiedenen Portionen; doch bei Gott war das Ganze seit Ewigkeit her gegenwärtig, und jeder Teil, der von ihm stammte, hatte das Ganze in sich.

Wir sollten stets daran denken, wenn wir mit der Bibel umgehen; andernfalls werden wir das Wort der Wahrheit «nicht richtig teilen». Der volle Plan Gottes bestimmt jedes Detail, insoweit es ihn selbst betrifft. Gottes Verstand wächst nicht. Es gibt keinen Fortschritt in Gott; er ist zu jeder Zeit voll und vollständig und endgültig. Gott hat seine Gedanken durch Modelle und Sinnbilder in die Zeit eingeführt, doch sie sind eben nur Modelle und Sinnbilder von geistlichen und ewigen Wirklichkeiten. Und das Prinzip besteht darin, dass, was immer von Gott kommt, zu jeder ZEIT von unserem Standpunkt, oder vom Standpunkt dieser Welt aus - was immer von Gott kommt, wie partiell es auch immer scheinen mag, in sich selbst den ewigen und vollständigen Gedanken Gottes enthält. Es enthält in sich das Ganze des geistlichen Sinnes Gottes. Wir müssen die unmittelbare Form der Präsentation durchschauen, um den geistlichen und ewigen Gedanken zu entdecken, der hier vorliegt.

Dieses Haus - «Das HAUS soll wieder aufgebaut werden» - ist nur eine irdische, zeitliche, begrenzte Repräsentation des weiten, ewigen, geistlichen Gedankens Gottes. Es ist bloß eine armselige Repräsentation, und sie wird vorüber gehen; doch Gottes Gedanke wird nie vorüber gehen. Was dahinter liegt, nimmt kein Ende: es ist aus der Ewigkeit hervor gegangen; es wird in Ewigkeit andauern. Und die ganze Bibel ist bloß ein vielseitiger Ausdruck dieses Prinzips. Von Anfang bis Ende, in ihren zahlreichen Präsentations- und Repräsentationsformen, in ihren Typologien, Symbolen und Sinnbildern, ist die Bibel eine einzige, umfassende und vielseitige Ausdrucksform dieser einen Idee, die in diesem Wort «Haus» veranlagt ist.

Gott tritt aus der Ewigkeit hervor

Lasst uns hinter die Sinnbilder, hinter die Repräsentation, zu der großen geistlichen Wahrheit und Realität durchdringen. Hier ist sie. Aus der Ewigkeit, aus der Unbekanntheit, aus der Unbegreiflichkeit, aus der Unerreichbarkeit hervor entschloss sich Gott, sich in einer besonderen, einzigartigen Schöpfung als gegenwärtig zu manifestieren, in einem geistlichen Organismus seiner eigenen Erfindung; in etwas, das unter vielen andern Titeln und Bezeichnungen, in der Schrift auch «HAUS» genannt wird. Gott entschloss sich also, aus dem weiten unerkennbaren, unzugänglichen, ewigen Bereich hervorzutreten und sich als gegenwärtig zu manifestieren, sich selbst zu erkennen zu geben, erreichbar zu werden, und dies in einem «Haus», einer Wohnstätte. Das ist die Wahrheit, die durch die ganze Bibel hindurch verläuft, von Anfang bis Ende; das ist es, was alles andere bestimmt, wie wir sehen werden, wenn wir weitergehen.

Doch in dem Maße, wir wir diese große Wahrheit begreifen und uns mit ihr durch die Bibel bewegen, machen wir in Bezug auf sie eine Entdeckung. Wir fangen an, zu erkennen, dass, auch wenn es ganz bestimmt eine wunderbare Idee, ein erstaunlicher Gedanke ist, es dennoch etwas weit Größeres ist als bloß ein Gedanke oder eine Idee. Tatsächlich stellen wir fest, dass es das Herz Gottes involviert - nicht nur seinen Verstand, sondern sein Herz; es ist etwas, das Gott außerordentlich schätzt; etwas, von dem die größten Interessen Gottes abhängen. Weit davon entfernt, für Gott bloß etwas Objektives zu sein, erweist es sich (wenn ich es denn so formulieren darf) als eigentlichen Teil von ihm selbst - von seinem Gedanken, seinem Willen, ja unmittelbar von seinem Herzen.

Eine der atemberaubendsten Aussagen der Bibel ist sicher diese: «... die Gemeinde Gottes ... die er durch ein eigenes Blut erworben hat» (Apg. 20,28). Gott erkaufte das, was «die Gemeinde» genannt wird, mit seinem eigenen Blut. Das wird jeden Versuch des Ergründens und Verstehens zuschanden machen. Das Blut ist die Lebenskraft jedes Organismus. An diesem «Ding» (vergebt mir für den Augenblick diesen Ausdruck) hängt geradezu das Leben Gottes. Gott hat sein Leben dafür gegeben. Das ist mehr als eine bloße Angelegenheit von objektivem Interesse. Das eigentliche Herz Gott ist darin enthalten - sein eigenes Leben - er selbst.

Gott unter Menschen gegenwärtig

Worin aber besteht denn dieser Gedanke, diese Sache, die dem Herzen Gottes so nahe steht, mit dem alle seine Interessen zusammenhängen? Es ist dies, dass GOTT UNTER MENSCHEN GEGENWÄRTIG ist: Gott steht mit einem Organismus in Beziehung, als Bewohner, als Besetzer, als Einwohner dieses Organismus. Die einfache, klare Bedeutung eines «Hauses» ist gewiss die, dass man darin wohnen kann, dass man darin lebt; es hat keine Bedeutung, es sei denn, es werde bewohnt. Gottes Gedanke ist es, DORT zu sein, gegenwärtig, einwohnend mit dem Ziel, sich selbst bekannt und verständlich zu machen, und gesegnete Gemeinschaft mit dem, aus dem dieses «Haus» besteht.

Ich habe gesagt, die Bibel enthalte die Geschichte dieses Gedankens, dieses ewigen und göttlichen Konzepts durch die Zeitalter hindurch. Es beginnt mit einem sehr einfachen, ursprünglichen Ausdruck des Gedankens: der Mann und die Frau im Garten, und Gott gegenwärtig, indem er im Garten umher wandelt, spricht, Gemeinschaft pflegt und seine Gedanken und Absichten kundtut. Es ist das Bild einer glücklichen Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen, zwischen Mensch und Gott. Der Mensch wird in seiner Beziehung zu Gott gezeigt, in der Form einer Freundschaft (wenn ich diesen Ausdruck benutzen darf) und auf einer Basis des Auftrags, hier Gottes Regent zu sein zur Entwicklung und Erfüllung seiner Vorsätze. Alles spricht von Friede, Ordnung und Schönheit, und von allem, wonach sich das menschliche Herz sehnt. Gott hat ein «Haus» geschaffen für sich selbst, er wohnt darin und wandelt darin, und er redet auch darin. Es ist da in dieser ersten schlichten Repräsentation vorhanden.

Von diesem Punkt aus hat die göttliche Absicht eine lange und bunte Geschichte. Denkt daran, dass alles Handeln Gottes sich auf diese eine «Sache» bezieht, und alle Reaktionen in der Geschichte, von denen die Bibel berichtet, richten sich gegen diese Sache - um Gott zu vertreiben, um Gott auszuschließen, um Zustände herbeizuführen, in denen Gott nicht gegenwärtig sein kann, an die er sich nicht verpflichten kann. Alles konzentriert sich auf dieses eine Verlangen des Herzens Gottes.


Gottes Absicht realisiert im persönlichen und
gemeinschaftlichen Christus

Doch wo hört das auf? Ja, es ist eine lange und bunte Geschichte, doch am Ende wird die Absicht realisiert. Und sie wird auf zwei Arten realisiert: Erstens wird sie in Gott selbst realisiert, fleischgeworden in seinem Sohn. Wir haben die überragende Bedeutung von Jesus Christus als Sohn Gottes noch nicht erkannt, es sei denn, wir haben begriffen, dass in ihm dieses ewige Konzept seine Realisierung findet; er ist Immanuel - «Gott mit uns»! Gott hat sein Ziel erreicht. Er selbst hat für sich eine Wohnung errichtet. «Gott war IN Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst» (2. Kor. 5,19). Auf diese erste und grundlegende Weise hat Gott sein Ziel erreicht: und so entdecken wir, dass das Haus Gottes nicht ein «Es» ist - es ist ein «Er; es ist eine Person. Und dann geht er von dem Einen zu den Vielen weiter, vom Individuum zum Gemeinschaftlichen; und ins Gesichtsfeld tritt ein auserwählter Leib, in der Gestalt einer Wohnstätte für Gott. Die Bibel endet wiederum im Symbolismus, genauso wie sie beginnt - eine Stadt und ein Garten - und wir vernehmen die Musik dieser Worte: «Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird ... ihr Gott sein» (Offenb. 21,3). So endet die Bibel. Die Geschichte ist vollendet.

Ich habe gesagt, dass diese göttliche Absicht die Bibel von jedem Winkel aus erklärt; dass alle Aktionen und Reaktionen sich auf diese eine Sache konzentrieren, dass Gott einen Ort für sich haben soll, wo er wohnen kann, in der Gestalt von Gemeinschaft und Frieden. In Tat und Wahrheit gibt es in der Bibel nichts, das sich nicht auf diesen alles beherrschenden Vorsatz und Gedanken Gottes bezieht. Hier ist der Gegenstand, um den sich der Vater bemüht, und auch der Gegenstand von Gottes Eifersucht. Wenn Gott so eifersüchtig war über einen Tempel in Jerusalem, oder über die Stadt Jerusalem oder den Berg Zion, wie die Propheten so stark betonen, meint ihr, seine Eifersucht habe sich an solch irdischen, zeitlichen Repräsentationen erschöpft? Nein, es war das, was dieses Etwas repräsentierte, worauf Gott eifersüchtig war.


Was ist das Haus Gottes?

Was also ist denn das Haus Gottes? Die Frage wird von Gott selbst gestellt, durch seinen Knecht Jesaja: «So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße! Was für ein Haus wollt ihr mir denn bauen? Oder wo ist der Ort, an dem ich ruhen soll? Denn dies alles hat meine Hand gemacht, und so ist dies alles geworden...» (Jes. 66,1-2). Vielleicht erinnert ihr euch, wie Stephanus in jener ausgezeichneten Botschaft, die ihm sein Leben kostete, - so bedeutsam gerade in dieser Beziehung - diese Worte aus Jesaja zitierte. Es war beinahe der Höhepunkt jener Auseinandersetzung; alles lief auf dies hinaus, alles gipfelte darin. Er sagte: «Salomo aber erbaute ihm ein Haus. Doch der Höchste wohnt nicht in Tempeln, die von Händen gemacht sind ... Was für ein Haus wollt ihr mir bauen, spricht der Herr» (Apg. 7,47-49)?.«Die Himmel der Himmel können ihn nicht fassen» (2. Chronik 2,6).

1. Die unendliche Größe des Hauses

Was für ein Haus? Da gibt es einiges, das man beachten sollte. Zuerst einmal ist es der Hinweis auf die unendliche, unendliche Größe Gottes, die etwas unendlich Großes erfordert. Kein noch so großartiger Tempel, sei es derjenige von Salomo oder einem anderen Erbauer, kann dieser Forderung entsprechen. Etwas unendlich Großes ist nötig, um die Größe Gottes zu demonstrieren. Der Apostel Paulus sah mehr als jeder andere in der Bibel die Bedeutung dieses Hauses; und trotz des wunderbaren Reichtums, des Umfangs und der Flexibilität der griechischen Sprache versagte ihm die ganze Sprache ihren Dienst beim Versuch, darüber zu sprechen. Mit seinem ganzen Wissen von Worte und der Sprache fiel es dem Apostel Paulus äußerst schwer, Worte zu finden, um die Wirklichkeit dieses Hauses auszudrücken - die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe, usw. Er ringt mit der menschlichen Sprache, aber das alles reichte nicht, um auszudrücken, wie groß dieses ist.

Doch beachtet - und hierin liegt das Wunderbare, wo wir ihm sehr nahe kommen, oder wo es uns sehr nahe kommt - es gibt einige Dinge, die der Apostel Paulus klarstellt, wodurch er die Natur und die Bestimmung dieses Hauses definiert.

2. Der Platz der «alle Erkenntnis übersteigenden Liebe»

Erstens, dass es das ist, wodurch die «alle Erkenntnis übersteigende Liebe» Gottes manifestiert wird (Eph. 3,19). Gott konzipierte diese objektive Ordnung, um darin etwas von der die Erkenntnis übersteigenden Liebe seines Herzens zu offenbaren. Und dann redet Paulus auch von der GNADE - vom «Reichtum seiner Gnade» (1.7; 2,7), von der «Herrlichkeit seiner Gnade» (1,6), und er bringt das alles in Beziehung zu diesem Haus, dass «in den kommenden Zeitaltern» (2,7) in diesem Haus, in diesem Leib (nennt es, wie ihr wollt) einem erstaunten Universum die unendliche Gnade Gottes dargelegt werden soll. Doch Paulus bleibt dort nicht stehen; er geht zur WEISHEIT weiter (3,10). Die unendliche Weisheit Gottes soll den Fürstentümern und Gewalten kundgemacht werden - in diesem Haus! Ein großes Haus ist erforderlich, um die Größe seiner Liebe zu fassen, und die Größe seiner Gnade, und die Größe seiner Weisheit - Gott gegenwärtig in der Gestalt einer solchen Selbst-offenbarung!


Das Missverständnis des Menschen

Doch da wird noch etwas anderes angedeutet. Das Missverständnis des Menschen wird vorausgesetzt. Wenn es um «große Ideen», wunderbare Konzepte geht, hat der Mensch, wie wir wissen, eine Art, sich «auf sie zu stürzen» und sich anzueignen. Der Mensch hat sich diese Idee eines «Hauses Gottes», einer «Wohnstätte Gottes» zu eigen gemacht, hat sie umgebogen und hat ihr eine falsche Interpretation angedichtet. Der Mensch hat versucht, Gott einzufangen und ihn in ein Haus von menschlicher Machart einzusperren. Indem er dies tat, hat er versucht, Gott zu begrenzen, Gott einzuengen, Gott zu besitzen, Gott exklusiv an ein besonderes, von Menschen gemachtes «Haus»an ein Gebäude oder eine Institution auf Erden, zu binden. Dieser unausrottbare Drang des Menschen, Gott zu seinem Eigentum und zum Eigentum dieser besonderen Art von Haus zu machen, führt zur Entstehung einer schrecklichen Ausschließlichkeit, die im Grunde sagt, dass, wenn ihr nicht hierher gehört, wenn ihr nicht diesen Weg geht, ihr das Erlaubte überschritten habt. Es ist die Wirkung einer Idee, die man aufgegriffen, aber falsch verstanden hat - eine falsche Interpretation.

Das war Israels tragischer Irrtum, gegen den die Propheten wüteten und anstürmten. Es war das, in das Jesus hinein geriet. Wie neuer Wein in alten Weinschläuchen, sprengte sein Kommen das ganze in die Luft; aber es kostete ihm sein Leben. Sie hatten aus dem Hause Gottes eine exklusive Sache gemacht, zu etwas, das ganz allein ihnen gehörte - sie «besaßen» Gott. Das war ihr Irrtum. Und als Jesus in die ewige, geistliche Wirklichkeit hinüberschritt, sagte er: «Siehe, euer Haus wird euch verwüstet gelassen werden» (Mt. 23,38) - EUER Haus, EUER Haus! Das ist ein schreckliches Urteil - EUER Haus!


Christus, das Korrektiv

1. In seiner Person

Wir müssen das alles sehr ernst nehmen, denn von einem gewissen Standpunkt aus gesehen war es genau dieses Missverständnis, diese falsche Interpretation, diese Karikatur, die zu korrigieren Jesus gekommen ist. Dies tat er auf zwei Arten. Wie wir aufgezeigt haben, korrigierte er sie zuerst in seiner eigenen Person. Möchtet ihr sehen, was das Haus Gottes ist? - Seht ihn an! Zweitens tat er es auch in seiner Lehre. Das Evangelium von Johannes, wenn wir dies nur erkennen wollten, steht im ganzen biblischen Vorsatz dafür, zu zeigen, wie Jesus alle irdischen und materiellen Repräsentationen ersetzt und transzendiert. Es macht vollkommen klar, dass er den Tempel in Jerusalem ersetzt und seine Stelle einnimmt. Er ersetzte das Priestertum und nahm dessen Stelle ein, indem er selbst zum Hohepriester wurde und ein Gott wohlgefälliges Opfer darbrachte und somit nicht nur alle Typologien erfüllte, sondern zeigte, dass, bis Christus sich selbst darbrachte, Gott nie befriedigt worden war. Er ersetzte und transzendierte alle jüdischen Feste: Ihr stellt fest, dass die Feste der Juden ständig erwähnt werden, und Jesus wird darin dargestellt, und zwar in Kontrast dazu.

Jesus nimmt die Stelle des Mannas in der Wüste ein: Er ist «das Brot, das vom Himmel herab gekommen ist» (Joh. 6,33). Jesus nimmt die Stelle des Wassers ein, das vom geschlagenen Felsen ausströmte, und sagt: «Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird nie mehr dürsten» (Joh. 4,14). «Wer an mich glaubt, aus dessen Innerem werden Ströme des lebendigen Wassers fließen» (Joh. 7,38). Er nimmt die Stelle der Lichter im Tempel ein und sagt: «Ich bin das Licht der Welt» (Joh. 8,12). Er nimmt die Stelle aller alten Hirten im Alten Testament ein und sagt: «Ich bin der gute Hirte» (Joh. 10,11.14). Er nimmt die Stelle Israels ein und baut eine neue Herde von seinem eigenen Blut: «Ich gebe mein Leben hin für die Schafe» (V. 15). Jesus ist die Antwort auf Gottes ewige Suche.

2. Gemeinschaftlich

Doch Jesus steht, wie das Neue Testament weiter zeigt, nicht allein da. Das Haus Gottes ist Jesus in gemeinschaftlicher, organischer Form ausgedrückt. Wo und was ist das Haus Gottes? Es ist überall da, wo eine geistliche, organische, lebendige Vereinigung (union) mit Christus vorliegt; nicht mehr und auch nicht weniger. Paulus sagt: «In einem Geist wurden wir alle zu einem Leib getauft» (1. Kor. 12,13). Jesus erfüllt alle Funktionen und bringt alle Gesichtspunkte der Gegenwart Gottes zum Ausdruck - Gottes Gegenwart inmitten der Menschen.

Das ist zunächst eine Aussage, aber es ist gleichzeitig eine Herausforderung. Wie groß ist dieses Haus - doch wie geistlich präzise ist sein Haus! Es ist auf die LIEBE Gottes gebaut. Das eigentliche Ziel und der Zweck dieses Hauses besteht darin, die Liebe Gottes zum Ausdruck zu bringen. Und wenn diese Liebe Gottes nicht gegenwärtig ist, oder wenn ihr widersprochen wird, dann hört das Haus auf, das zu sein, was Gott mit ihm beabsichtigt hatte. Das ist die Erklärung dafür, warum Israel, das einst als Nation «Gottes Haus» genannt wurde, beiseite gesetzt wurde. Hier ist die unendliche Liebe Gottes, die unendliche Gnade Gottes, in die Person seines Sohnes in die Welt gebracht: Und was findet er da vor? Unendlichen Hass! Die Liebe ausgetrieben! Nun gut - «Euer Haus wird euch verwüstet gelassen werden».

All diese Lehre und Theologie - selbst über die Rechtfertigung nicht durch Werke, sondern aus Glauben, usw. - kann letztlich so kalt sein; ES kann hart, gesetzlich, «gerecht» werden. Doch vergesst nicht, das alles ist im Wort Gottes da, um die GNADE Gottes groß zu machen! «Nicht durch Werke...», sondern durch Gottes Gnade. Das Haus Gottes existiert auf der Grundlage, dass Männer und Frauen entdeckt haben, dass ihr tiefstes und schrecklichstes Bedürfnis die Gnade Gottes ist, und sie sind zur Erkenntnis dieser Gnade gelangt. Das Wort, das in ihrem Vokabular zuoberst steht, ist «Gnade» - es ist das wunderbarste Wort in der Sprache der Erde und des Himmels. Gnade, Gnade, Gnade! Sie ist es, was das Haus Gottes konstituiert. Wenn wir, ihr und ich, in der Bedeutung dieses wunderbaren Wortes «Gnade» leben, werden wir Gott sehr nahe bei uns wissen. «Gott sieht den Stolzen von Ferne», weil die Stolzen keinen Sinn dafür haben, dass sie Gnade benötigen. Stolz ist für Gott ein Abscheu, ganz einfach deshalb, weil er ein derartiger Widerspruch ist zur Gnade Gottes. «Auf diesen werde ich blicken: auf den, der arm und betrübten Geistes ist, und der da zittert vor meinem Wort» (Jesaja 66,2). Das ist die Atmosphäre des Hauses Gottes.

Und so seht ihr, dass das Haus Gottes keine «Sache» ist, es ist auch kein «Ort» - es ist nichts, das der Mensch machen kann; es ist etwas Geistliches. Auf welchem Grund ruht es? Es ruht auf der Grundlage des Kreuzes. Das Haus Gottes in der Wüste - die Stiftshütte - kam nach dem Altar, und es bildete den Hintergrund zum Altar. Im Neuen Heilszeitalter bildet die Gemeinde den Hintergrund zum Kreuz Christi, denn sie kommt nur durch das Kreuz zustande. Was tut das Kreuz? Es beseitigt den Menschen und schafft Raum für Gott; es versetzt den Menschen hinaus, damit Gott alles in allem sei. Gottes Absicht mit dem Kreuz ist die, zu ermöglichen, dass die Realisierung seines ewigen Gedankens gegenwärtig sein kann, dass sie DA ist. Wo das Kreuz am tiefsten in das Leben von Menschen hinein gewirkt worden ist, DA begegnet ihr am vollsten dem Herrn. Ihr begegnet ihm nicht in ungekreuzigten Männern und Frauen; in der Gegenwart des Fleisch hält sich Gott zurück.


Die Notwendigkeit für ein Christus-Bewusstsein

Zum Schluss wollen wir noch eine Frage aufwerfen. Welches ist die vorherrschende Notwendigkeit? Darauf gibt es eine zweifache Antwort. Die vorherrschende Notwendigkeit für die Realisierung des Verlangens Gottes - das Einführen seines Hauses in seiner Schönheit, in seiner Liebe, in seiner Gnade, in seiner Gemeinschaft, in seinem Frieden, in seiner Ordnung in seiner göttlichen Manifestation - ist ein Christus-Bewusstsein. Vielleicht sagt euch das nicht so viel, wenn ich es bloß so feststelle. Doch was wir, ihr und ich, vielleicht mehr als alles andere benötigen, ist mehr von diesem Christus-Bewusstsein. Werden wir nicht jedesmal und stets zurechtgewiesen, wenn wir Paulus sagen hören: «Denn die Liebe des Christus drängt uns, da wir von diesem überzeugt sind: Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben... damit die, welche leben, nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den... So kennen wir denn von nun an niemand mehr nach dem Fleisch» (2. Kor. 5,14-16)? Werden wir nicht jedesmal dadurch getadelt? Kennen wir einander nicht sehr gut nach dem Fleisch? Statt möglichst das in einander zu ergreifen, was, was immer es auch sein mag, selbst im Entferntesten, von Christus ist, und das beste daraus zu machen, tun wir etwas anderes: wir machen des meiste aus unseren gegenseitigen Fehlern, Schwachheiten und dem, was Christus äußerst unähnlich ist - und davon gibt es jede Menge, Gott allein weiß es!

Doch oh, dieses Christus-Bewusstsein - dass wir uns doch mehr daran machen würden, das zu ergreifen, was von Christus ist, wie klein es auch sein mag, und das beste daraus zu machen. Dann würde das Haus gebaut, Gott würde sein Haus vorfinden und sich darauf verpflichten, würden wir das nur tun. Gott helfe uns! Und Christus-Bewusstsein bedeutet Haus-Bewusstsein, Gemeinschafts-Bewusstsein, Beziehungs-Bewusstsein - dass wir Glieder von einander sind, so dass die Hand nicht zum Fuß sagen kann: «Ich brauche dich nicht. Ich schaffe es ohne dich». Es ist dieses gemeinschaftliche Bewusstsein, das heute so sehr nötig ist, um all das zu zerstören, was auseinander treibt und zertrennt.

Möge Gott schenken, dass etwas von diesem Impakt auf unser Herz übergehen möchte, und dass es uns aus unseren allzu kleinen Vorstellungen vom Haus Gottes herausheben möchte. Möge es unsere Einstellung in Beziehung zu ALLEN beherrschen - ALLE, die auf der Liebe Gottes ruhen, ALLE, die auf der Gnade Gottes ruhen, ALLE, die gelernt haben, zu sehen und anzuerkennen, dass nur durch die Weisheit Gottes, die alle menschlichen Probleme, ihre und unsere, lösen kann, Gott schließlich das findet, was er die ganze Zeit sucht - einen Ort, an dem er wohnen kann.


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Übersetzt von
Manfred Haller
 

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