Die heilige Stadt - das Neue Jerusalem
von T. Austin-Sparks

Kapitel 1 - Die Natur Gottes

«Und es kam zu mir einer der sieben Engel... und redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir die Frau, die Braut des Lammes zeigen! Und er brachte mich im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die große Stadt, das heilige Jerusalem, die von Gott aus dem Himmel herabkam» (Offenb. 21,9.10).

«sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem...» (Hebr. 12,22).

«Das obere Jerusalem aber ist frei, und dieses ist die Mutter von uns allen» (Gal. 4,26).

Wir werden uns im ersten Teil unserer gemeinsamen Zeit mit dem Versuch beschäftigen, zu erkennen, wo wir uns befinden, und diese Abschnitte sagen uns sehr präzise, wo wir sind. Das Wort sagt: «Ihr seid gekommen ... zum himmlischen Jerusalem», und dass «das himmlische Jerusalem droben» (nämlich: das himmlische Jerusalem) «unsere Mutter ist». Nun, das sagt deutlich, wo wir sind, aber es erklärt nichts, und wir beschäftigen uns diese Woche mit dem, wohin wir gekommen sind.

Nun, wenn ihr diese letzten Kapitel der Offenbarung lest, dann neigt ihr dazu, zu glauben, das sei alles noch Zukunft. «Die heilige Stadt, das neue Jerusalem, das aus dem Himmel von Gott herabkommt» - gewiss gehört das einer zukünftigen Zeit an, oder? Nun, es mag einen zukünftigen Aspekt haben, doch diese Schriftstellen sagen, dass wir bereits dorthin gekommen sind. Ich weiß, das klingt recht geheimnisvoll, doch in diesen Stunden, die wir mit einander verbringen werden, glaube ich, werden wir genau sehen, was es bedeutet. Wir müssen daher zu Anfang das Fundament für unser Studium legen.

Warum wurden diese Kapitel geschrieben?

Zuerst einmal müssen wir verstehen, wie es dazu kam, und wann es war, dass der Apostel Johannes all das über des neue Jerusalem niederschrieb. Es wurde zu einer Zeit geschrieben, als die Christen einer sehr schweren Verfolgung ausgesetzt waren. Die große Welle Christenverfolgung war im Gange, und das Christentum sah sich einer sehr starken Opposition seitens der Welt gegenüber, so dass die Christen erkennen mussten, dass es einen hohen Preis hatte, dem Herrn Jesus treu zu bleiben. Wie ihr wisst, war der Apostel Johannes, der dies schrieb, selbst um des Zeugnisses Jesu willen im Exil auf der Insel Patmos.

Schon diese erste Tatsache rückt diese Kapitel in ein sehr zeitgemäßes Licht. Eine neue Welle von Christenverfolgung hat bereits wieder auf Erden begonnen, und sie breitet sich von Osten nach Westen aus. Während wir hier an diesem Ort sind, befinden sich eine ganze Anzahl von Diener Gottes um des Zeugnisses Jesu willen im Gefängnis. So bezieht sich dieses Buch also nicht bloß auf etwas, das vor Jahrhunderten einmal passiert ist, auch nicht auf die Zukunft, sondern wir werden sehen, dass es auf eine sehr reale Weise auf unsere eigene Zeit angewendet werden muss.

Das zweite in Bezug auf die Niederschrift dieser Vision des himmlischen Jerusalem ist dies, dass es zu einem Zeitpunkt geschrieben wurde, als die Gemeinden ihre erste Liebe verloren. Eine Veränderung war über sie gekommen, und die ersten Kapitel dieses Buches zeigen uns, worin diese Veränderung bestand. Die erste Liebe, das erste Leben, die erste Herrlichkeit gingen verloren. Gewiss realisieren wir, wie sehr dies auf manche Orte in unserer Zeit zutrifft! Der große Schrei heute lautet: «Lasst uns zu anfänglichen Dingen zurückkehren!»

Das dritte, das die Niederschrift dieser Kapitel veranlasste, war folgendes: Es war eine Zeit, da viele falsche Propheten und Lehrer Verwirrung in die Christenheit brachten, und der Glaube, der «ein für allemal den Heiligen überliefert worden war», verlor seine Reinheit. Einer der Apostel, der einen sehr kurzen Brief verfasste, sagte, es dränge ihn, zu schreiben, um «ernsthaft für den Glauben zu kämpfen, der «ein für allemal den Heiligen überliefert worden sei» (Judas 3). Ist das nicht auch ein weiterer Zustand, in dem wir heute leben? Viele falsche Lehrer bringen das Volk Gottes in Verwirrung, so dass es kaum mehr weiß, was es glauben soll.

Vielleicht gibt es kein Buch in der Bibel, das verwirrender ist als diese Buch der Offenbarung. Viele Christen haben es aufgegeben, darin zu lesen, weil sie sagen: «Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Dieser Bibellehrer gibt diese Interpretation, ein anderer gibt wieder eine andere». Wollte ich es ihnen gleich tun, dann kann ich euch nicht sagen, wie viele verschiedene Interpretationen der Offenbarung es gibt!

Nun, so war es zur Zeit, als Johannes schrieb. Ihr wisst, dass er in seinem ersten Brief sagte, dass schon viele falsche Christusse gekommen seien (1. Joh. 2,18). Wir müssen daran denken, dass diese Offenbarung vom himmlischen Jerusalem wegen dieser Zustände verfasst wurde.

Doch wollen wir noch etwas weiteres beachten. Dieses Buch wurde zu einer Zeit geschrieben, als das Gericht über diese Welt anfing. Ihr braucht es nur zu Ende zu lesen, um von den Gerichten zu erfahren, die über diese Welt kommen sollen, und sie begannen beim irdischen Jerusalem. Ich glaube, es gibt in der Literatur nichts Schrecklicheres als den Bericht über die Zerstörung Jerusalems, wie der Historiker Josephus sie schildert. Doch als das irdische Jerusalem zerstört und beseitigt war, rückt das himmlische ins Blickfeld.

Das Gericht über diese Welt begann in Jerusalem, und dann kam es über das römische Imperium und über Rom selber. Die Zeit lag nicht in weiter Ferne, das das große und wunderbare imperiale Rom verwüstet würde. Von all seinem Reichtum, seinem Luxus und seiner Fülle wurde es zu Hungersnot und Pestilenz reduziert, und die ökonomische Situation wurde so schlecht, dass die reichsten Leute um Nahrung betteln mussten. Und so lest ihr in diesem Buch von Pestilenzen, Hungersnöten und Kriegen, und von all den Zuständen, die über diese Welt hereinbrechen würden. Die Gerichte Gottes über diese Welt nahmen ihren Anfang - und wer kann behaupten, diese Gerichte würden nicht auch in unserer heutigen Welt beginnen? Wir lassen das für den Augenblick.

So haben wir Zustände von Leiden, Korruption und Verlust an Herrlichkeit, das Abweichen des Volkes Gottes von seiner ersten Liebe, ein Zustand der Falschheit und geistlicher Schwachheit - und als die Dinge so waren, und wenn sie so sind, wird uns das himmlische Jerusalem präsentiert und ist die Antwort auf all diese Zustände. Es ist das genaue Gegenteil von all diesen Dingen.

Nun lassen wir das für den Augenblick auf sich beruhen und nähern uns dem Herzen dieser letzten Kapitel im Buch der Offenbarung.

Was bedeutet das alles?



Wir möchten wissen, was diese Heilige Stadt bedeutet, und ich glaube, dass, bevor wir überhaupt ein bisschen weiter kommen, viele eurer Vorstellungen gründlich über den Haufen geworfen werden müssen! Wir werden viele der Lieder, die ihr singt, verschandeln, doch werden wir etwas Besseres finden, und ich hoffe, ihr werdet ein neues Lied singen, bevor wir noch zu Ende gekommen sind.

Der Christ, der sein oder ihr Christenleben ernst nimmt, hält stets nach etwas Ausschau, das seine Erfahrung erklären kann. Solche Christen müssen nicht notwendigerweise danach suchen, doch in ihrem Herzen fragen sie nach etwas, das alles erklären kann. In unserem Christenleben fragen wir: «Was bedeutet es? Wohin führt das?» Menschen in der Welt stellen die Frage: «Was bedeutet das alles?» Als ich vor einigen Jahren im Spital lag, war ein Mann dort, dem beide Beine amputiert worden waren; ich hörte, wie er in seinem Bett fast jeden Tag stöhnte: «Was bedeutet das alles?» Ihr erinnert euch, dass der Apostel Paulus im achten Kapitel seines Briefes an die Römer von der «seufzenden Kreatur» redete - «wir wissen, dass die ganze Schöpfung mit seufzt und mit in Wehen liegt bis jetzt» (V. 22) - und wenn ihr euer Ohr auf die seufzende Kreatur richtet, was hört ihr da? Ich bin sicher, ihr würdet folgendes hören: «Was bedeutet das alles?» Und dann fährt der Apostel Paulus fort und sagt: «Auch wir stöhnen in uns selbst» (V. 23). Wir haben eine tiefe Frage in unseren Herzen: «Was bedeutet das alles? Was bedeuten all diese Schwierigkeiten, Prüfungen und Leiden im Christenleben? Wohin führt das?»

Nun ist es natürlich die Aufgabe des christlichen Lehrers, für die Antwort auf diese Frage zu sorgen, und dem Volk Gottes verstehen zu helfen, was es bedeutet. So müssen wir diese Frage stellen: «Gibt es eine Erklärung, die man in der Bibel finden kann, die uns mit Licht für den Weg versorgt.

Der Schlüssel zu allem

Ich möchte sagen, dass es eine Erklärung gibt, und ich denke, diese letzten Kapitel der Bibel sind die beste Erklärung in der ganzen Bibel. Wenn wir nur diese beiden letzten Kapitel verstehen würden, dann würde ein großes Licht über unsere Herzen herein brechen, und wir würden sagen: « Nun sehe ich es. Ich habe den Schlüssel zu allem». Nun, das ist natürlich ein großer Anspruch für zwei Kapitel - der Schlüssel zu allem!

Ich mache nicht bloß Worte. Ich habe während vieler Tage und Wochen darüber nachgedacht, so dass das nicht bloße Worte sind. Was ist die Erklärung für alles? Es gibt etwas, das alles in der Bibel beherrscht, und es ist genau das, was in Fülle in diesen letzten Kapitel herauskommt. Welches ist dieser Schlüssel zu allem? Wenn ich es in einen kurzen Satz fassen würde, würdet ihr natürlich nicht verstehen, was es bedeutet, doch je mehr ihr darüber nachdenkt, desto mehr werdet ihr merken, dass es stimmt. Das, was alles in der Bibel von Anfang bis Ende beherrscht, ist die Natur Gottes. Habt ihr diesen Satz mitgekriegt? Die Natur Gottes beherrscht alles, und mit der «Natur Gottes» meinen wir die eigentliche Konstitution Gottes selbst. Wir sagen von Leuten: «Nun, er oder sie ist nun einmal so konstituiert. Das ist die Art, wie er denkt, wie er fühlt und wie er spricht, und weil er so gemacht ist, redet und denkt er eben so. Es ist einfach seine Konstitution». Es spielt keine Rolle, was ihr tut, ihr kommt nicht von eurer Konstitution los. Es ist eure Konstitution, die macht, dass ihr handelt, wie ihr es eben tut.

Das ist es, was wir mit der «Natur Gottes» meinen. Wenn ich es auf diese Weise sagen darf: «Es geht einfach darum, wie Gott, weil er so ist, wie er ist, alles betrachtet».

Nun, eine der echten Lektionen unseres Christenlebens besteht darin, dass wir lernen, dass Gott alles ganz anders sieht als wir. Er betrachtet die Dinge mit den Augen seiner eigenen Natur. Wenn irgend etwas die Natur Gottes befriedigt, füllen sich seine Augen mit Leben und er sagt: «In welchem ich Wohlgefallen gefunden habe», doch wenn irgend etwas die Natur Gottes nicht befriedigt und er es nicht akzeptiert, werden seine Augen dunkel. Gott beurteilt alles gemäß seiner eigenen Natur, und er entscheidet auch alles seiner eigenen Natur gemäß. Gott beziffert den Wert von etwas immer nach dem, inwiefern es seiner Natur entspricht. Gott bestimmt das ewige Schicksal von etwas aufgrund des Standards seiner eigenen Natur. Ist das für euch zu schwierig? Ihr werdet diese Stadt nie verstehen, wenn ihr das nicht versteht, und ihr werdet nie verstehen, warum Jesus Christus in die Welt gekommen ist, solange ihr das nicht versteht. Gott entscheidet über das Schicksal dieser Welt vom Standpunkt seiner eigenen Natur aus, und sein Sohn Jesus Christus ist sein Standard für irgend eine Entscheidung.

Da ist eine Frage, die über allen andern steht, und diese lautet: Befriedigt es die Natur Gottes? Die Bibel beginnt mit der TATSACHE Gottes, und sie endet mit der vollkommen zum Ausdruck gebrachten NATUR Gottes, und dieser vollkommene Ausdruck dessen, was Gott im Sinn hat, wird uns im Symbolismus einer Stadt und eines Gartens präsentiert. Habt ihr das Wort beachtet, das ich verwendet habe? Der SYMBOLISMUS einer Stadt und eines Gartens - und das ist der Punkt, wo wir eure Hymnen auf den Kopf stellen, und wo ihr eine absolute Revolution in eurer Mentalität zulassen müsst. Habt ihr die Vorstellung, ihr würdet zum himmlischen Jerusalem als zu einer bestimmten Sache und einem Ort gehen? Es tut mir leid, euch sagen zu müssen, dass ihr euch irrt! Wenn ihr singt:

«Jerusalem, du goldene Stadt!
gesegnet mit Milch und Honig»
,

was meint ihr damit? Wenn ihr singt:
«Wir marschieren hinauf nach Zion»,

was meint ihr damit? Wenn ihr singt:
«Wir werden auf goldenen Gassen wandeln»,

was meint ihr damit? Wenn ihr davon sprecht, «am Strom zu trinken» und
«die Frucht des Lebens zu nehmen», was meint ihr damit?

Würde ich nicht die wahre Bedeutung dieser Dinge sehen, so täte es mir sehr leid, all eure lieblichen Bilder zu verderben! Es gibt keine solche Sache wie ein buchstäbliches neues Jerusalem, und es gibt keine solche Sache wie eine buchstäbliche himmlische Stadt, die Johannes‘ Vision entsprechen würde, doch es gibt es viel Bes seres, und das ist es, was wir noch umfassender betrachten müssen.

Warum dieser Symbolismus?

Ich will gleich damit schließen, dass ich euch sage, warum dieses ganze Buch der Offenbarung, besonders die letzten beiden Kapitel, in symbolischen Begriffen geschrieben wurde. Dieses besteht durchwegs fast vollständig aus Symbolismus. Warum? Weil so vieles davon nicht nur prophetisch auf eine entferntere Zukunft hinwies, sondern auch mit der Geschichte jener Zeit zu tun hatte. Nehmen wir an, Johannes hätte, statt von einem großen Drachen oder einem schrecklichen Tier, das aus dem Meer aufsteigt, zu sprechen, gesagt: «Cäsar ist ein fürchterlicher Drachen und ein wildes Tier. DAS ist Cäsar». Nun, ihr könnt euch vorstellen, was dann geschehen wäre! So wurden diese historischen Wahrheiten in Symbole gekleidet, und die Christen verstanden es. Ihr wisst, dass Petrus Rom «Babylon» nannte. Nun, wenn die Römer das gelesen hätten, hätten sie sich gesagt: «O, er redet von Babylon. Wo ist dieses Babylon?» Doch die Christen verstanden, dass Petrus‘ Babylon Rom war. So wurde alles in Symbolen beschrieben, und die Christen verstanden es, und das trifft auch auf die heilige Stadt zu. Es ist nicht etwas Buchstäbliches; es repräsentiert etwas Geistliches, und die Christen sollten dadurch verstehen, dass es sich nicht um irgend etwas Vorgestelltes handelt, sondern um eine GEISTLICHE Wirklichkeit. Der Herr Jesus sagte zu seinen Jüngern: «Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen; den übrigen bleiben nur die Gleichnisse» (Lk. 8,10). Das heißt: Ihr versteht es, sie nicht. Diese Kapitel dienen also dem geistlichen Verständnis. Diese Stadt, dieses himmlische Jerusalem, ist das, was vollständig der Natur Gottes entspricht. Jedes Detail von ihr repräsentiert etwas von seiner göttlichen Natur, und so sagt der Verfasser des Briefes an die Hebräer zu den Christen: «Ihr seid gekommen ... zum HIMMLISCHEN Jerusalem».

Nun, diese Einführung war sehr nötig. Es mag im Augenblick nicht gerade inspirierend sein, doch wir müssen verstehen, was das ist, mit dem wir es zu tun haben, und warum das eine solch wichtige Botschaft für unser eigenes Leben und für unsere Zeit haben soll. Wenn ihr alles vergesst, was ich heute Morgen gesagt habe, dann versucht wenigstens, euch an eines zu erinnern und nehmt das mit euch, denkt darüber nach und fahrt fort, darüber nachzudenken: Alles, was Gott in unserem Leben wirkt, geschieht auf der Basis seiner eigenen Natur. Wir sind berufen, «Teilhaber seiner göttlichen Natur» zu sein, und wenn Gott mit uns fertig ist - wenn wir ihm seinen Weg mit uns gestatten - werden wir ein voller Ausdruck der Natur Gottes sein. Wenn ihr dann eine große Menge von SOLCHEN Leuten habt, einen vollen, lebendigen Ausdruck des Herzens Gottes, dann habt ihr das himmlische Jerusalem.

Nun könnt ihr wieder singen, wenn ihr wollt: «Wir marschieren nach Zion», aber wisst dann auch, was ihr damit meint!


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Übersetzt von
Manfred Haller
 

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