Die heilige Stadt - das Neue Jerusalem
von T. Austin-Sparks

Kapitel 4 - Im Geist oder in der Welt?

«Und es kam zu mir einer der sieben Engel... und redete zu mir und sprach: Komm, ich will dir die Frau, die Braut des Lammes zeigen. Und er brachte mich im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die große Stadt, das heilige Jerusalem, die von Gott aus dem Himmel herabkam, welche die Herrlichkeit Gottes hat. Und ihr Lichtglanz gleicht dem köstlichsten Edelstein, wie ein kristallheller Jaspis» (Offenb. 21,9-11).

Es gibt Leute, die meinen, ich würde fälschlicherweise alles vergeistlichen; so sagen sie, ich liege falsch, wenn ich sage, diese Stadt sei keine wortwörtliche Stadt, sondern repräsentiere ein geistliches Volk. Doch ich halte an meiner Position fest. Man würde meinen, es sei schon nur diese eine Wendung nötig, um diese Position zu rechtfertigen. Der Engel sagte nämlich zu Johannes: «Komm hierher, ich will dir die Braut, die Frau des Lammes zeigen», und als Johannes dorthin kam, war weit und breit weder Frau noch Braut zu sehen: stattdessen zeigte er ihm eine Stadt. Und es gibt noch viel mehr von dieser Art in diesem Buch. Es gab eine Zeit, als ein innen und außen versiegeltes Buch auftauchte, und Johannes weinte, weil niemand da war, der es öffnen konnte. Der Engel sagte: «Weine nicht; siehe, der Löwe aus dem Stamme Juda, die Wurzel Davids, hat überwunden, um das Buch zu öffnen...» (Offenb. 5,5). Und als Johannes sich umwandte, um den Löwen zu sehen: «Ich sah ... ein Lamm» (V. 6). Nun, was haben ein Löwe und ein Lamm miteinander gemeinsam? Ihr könnt das nur erklären, wenn ihr die geistlichen Prinzipien dahinter erkennt. Ich denke, es lohnt sich, ein paar wenige Minuten diesem besonderen Punkt zu widmen, besonders für die Bibelstudenten, aber selbstverständlich auch für jedermann.

Es ist wesentlich, dass wir wirklich diese besondere Form verstehen, die Johannes in seinem Dienst wählte, und das war seine Methode, die er mehr als sonst jemand im Neuen Testament anwandte. Johannes befasste sich intensiv mit der geistlichen Bedeutung, die hinter den materiellen Dingen lag. Ihr wisst, wie wahr dies ist in seinem Evangelium - jeder würde diese Prinzip in seinem Evangelium akzeptieren! Er nannte alle Wunder, die Jesus tat, «Zeichen», er sagte nicht einfach: «Nun, das ist etwas, das Jesus TAT», sondern: «Das ist es, was Jesus MEINTE, als er dies tat». Als Jesus das Wasser in Wein verwandelte, dann sollte uns das nach dem Verständnis von Johannes lehren, dass Jesus uns eine vollständige neue Art von Leben geben kann. Wenn der alte Wein - oder das alte Leben - versagt und uns enttäuscht, kann Jesus ein neues Leben geben. Als Jesus einen armen Mann von seinem Lager aufstehen ließ, nachdem er 38 Jahre lang dort gelegen hatte, ohne je gehen zu können, sagt Johannes: «Das ist ein Zeichen». Jesus kann einen armen moralischen und geistlichen Krüppel nehmen und ihn auf seine Füße stellen: Er kann ihm die Kraft verleihen, in einer neuen Art von Leben zu wandeln. Als Jesus dem Blindgeborenen das Augenlicht schenkte, sagt Johannes: «Das ist ein Zeichen: ein Zeichen dafür, dass Jesus uns eine neue Sicht geben kann, so dass wir geistliche Dinge wahrnehmen können, die wir nie zuvor sehen konnten». Und so ist es mit allen acht Zeichen im Johannesevangelium.

Ihr akzeptiert das im Johannesevangelium und sagt: « Nun, diese Dinge in der natürlichen Welt sind Zeichen von etwas Bestimmtem in der geistlichen Welt». Aber wenn ihr das in seinem Evangelium akzeptiert, warum wollt er dasselbe nicht auch in seinem Buch der Offenbarung akzeptieren? Diese Stadt, das neue Jerusalem, ist ein Zeichen von etwas anderem. Jedes Detail davon bedeutet etwas Geistliches, etwas, das mit dem Herrn Jesus zu tun hat.

Akzeptiert ihr das? Wenn ja, dann können wir weitergehen.

Wir kommen noch einmal zu diesem zehnten Vers von Kapitel 21: «Und er brachte mich im Geist zu einem großen und hohen Berg, und er zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem».

Nun, «ein großer und hoher Berg», und «er brachte mich IM GEIST». In geistlichen Begriffen bedeutet das ganz einfach, dass Johannes im Geist lebendig war. Meint ihr, dieser Engel habe den Apostel Johannes gepackt, als er sich auf der Insel Patmos befand, und habe ihn auf irgend einen großen, hohen Berg hinaufgehoben? Das hätte auf Patmos zu Schwierigkeiten geführt, wenn dies tatsächlich passiert wäre. Die römischen Autoritäten hätten gesagt: «Johannes ist geflohen». Seht ihr, was ich meine? Das war eine geistliche Erfahrung. Vielleicht war es ein Traum, oder eine Vision. Ihr wisst, dass wir in unserem Träumen sehr weit reisen können. Manchmal habe ich geträumt, ich sei in Amerika, und als ich ein paar Minuten später aufwachte, stellte ich fest, dass ich noch immer in London war, und doch war ich sehr weit gereist. Im natürlichen Bereich akzeptiert ihr das. Warum akzeptiert ihr es nicht auch für den geistlichen?

Nun, hier sind zwei Dinge, und ihr müsst daran denken, dass diese fundamentale Gesetze des Neuen Testamentes ode des Christenlebens sind.

Zuerst ist da der Heilige Geist. Der Heilige Geist ist eine große Realität. Ihr glaubt an den Heiligen Geist als eine Tatsache, aber ihr könnt ihn nicht sehen und ihn mit euren natürlichen Ohren nicht hören, und ihr könnt so lange die Realität des Heiligen Geistes nicht kennen, als euch nicht irgend etwas zustößt. Früh in seinem Evangelium spricht derselbe Johannes über das «Geborenwerden im Geist». Als Jesus mit Nikodemus darüber sprach, von neuem geboren zu werden, funktionierte Nikodemus‘ Verstand im natürlichen Bereich, und er sagte: «Unmöglich!» Jesus sagte: «Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren wird, IST Geist» (Joh. 3,6). Was ist es denn, das aus dem Geist geboren wird? Es ist unser menschlicher Geist. Weil er von Gott getrennt wurde, wird er als tot betrachtet, und Tod ist nichts anderes als Trennung von Gott, sei es in der Zeit oder in der Ewigkeit.

Nun, «wiedergeboren» zu werden bedeutet, dass unser Geist in eine Lebensverbindung mit Gott gebracht wird, und was das Neue Testament meint, wenn es vom «Lebendigsein im Geist» spricht, ist «in lebendiger Vereinigung mit Gott, dem Heiligen Geist» zu leben. Das heißt, dass unser Geist für Gott und göttliche Dinge lebendig geworden ist. Hier sagt Johannes im Prinzip ganz einfach, dass sein Geist zu diesem Zeitpunkt dem Heiligen Geist gegenüber lebendig gewesen sei, und wenn dies zutrifft, wie es bei jedem von uns der Fall sein sollte, sehen wir eine neue Welt. «Und er zeigte mir die heilige Stadt», und der Heilige Geist möchte dies bei jedem von uns tun, so dass wir imstande sind, zu sagen: «Ich habe etwas gesehen, das Gott mir gezeigt hat». Werdet ihr mir glauben, wenn ich sage, dass dies bei jedem Christen so sein sollte? Das Christenleben ist nicht nur eine Frage des Bibellesens, des Gebete Sprechens, und zur Gemeinde Gehens. Diese Dinge mögen gut und notwendig sein, doch das Christenleben ist seinem Wesen nach ein Wandel mit Gott im Licht. Es ist eine Frage des Lebendigseins gegenüber Gott, und dass Gott imstande ist, uns in unserem Herzen zu zeigen, was er will, so dass der wahre Christ imstande ist, zu sagen: «Der Herr zeigt mir Dinge».

Nun, ihr reifen Christen, seid sehr geduldig mit diesen Feststellungen, denn es sind einige junge Christen hier, und wir kommen nicht sehr weit, wenn wir nicht ein richtiges Fundament gelegt haben. Was ich soeben gesagt habe, ist für das Christenleben von seinen Anfängen an fundamental.

Nun können wir zum nächsten Schritt weitergehen. Ihr sagt: «Gut, das ist sehr wunderbar, und ich möchte, dass mein Leben so ist, aber wie es das möglich?» Die Antwort finden wir hier, aber in Form des geistlichen Prinzips. Was der Herr eurem Herzen zeigen wird, hängt davon ab, wie weit oben auf dem Berg ihr seid. Wiederum sagt ihr: «O, Mr. Sparks, was meinen Sie damit?» Nun, ich rede nicht vom Besteigen der Jungfrau oder der Blüemlisalp. Was bedeutet dieser Berg? Was bedeutet es, überhaupt auf einen Berg hinaufzusteigen? Es bedeutet einfach, von dieser Welt wegzukommen. Wenn ihr einen Berg besteigt, habt ihr die Welt hinter euch gelassen; es besteht eine große Trennung zwischen euch und der Welt, und ihr werdet nie himmlische und geistliche Dinge sehen, solange das nicht geschieht.

Bitte glaubt mir: das ist keine Frage des Alters, der Jahre. Es gibt eine Unzahl von Christen, die schon seit vielen Jahren gerettet sind, und noch immer befinden sie sich auf der Erde unten. Noch immer liegen ihre Interessen bei dieser Welt - bei dieser Welt und den Dingen dieser Welt, diese haben noch immer einen großen Platz in ihrem Leben. Sie sind das, was man «weltliche Christen» nennt. Natürlich ist das ein Widerspruch der Begriffe, weil es kein echtes Christentum ist. Hört Jesus zu, als er für seine Jünger zu seinem Vater betete: «Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin» (Joh. 17,16). «Sie sind nicht von der Welt. Sie gehören nicht hierher. Sie gehören anderswo hin. Diese Welt ist nicht ihr Leben; ihr Leben ist droben». Das finden wir im Johannesevangelium, und es ist ganz einfach klare, direkte Rede, nicht wahr?

Im Buch der Offenbarung kleidet Johannes es in diese Illustration - er spricht von einem großen und hohen Berg - und er sagt: «Die Leute, die diese Stadt ausmachen, sind ein himmlisches Volk, nicht ein irdisches Volk. Es sind Leute, die im Geist von dieser Welt getrennt sind». Der Apostel Paulus sagt es so: «Wenn ihr nun mit Christus auferweckt worden seid, sucht das, was droben ist, wo Christus ist» (Ko. 3,1), und das kann nur bedeuten: «Steigt auf den Berg. Verlasst diese Welt im Geist, im Herzen, und kommt mit dem Herrn Jesus hinauf».

Lasst mich nochmals zu dem zurückkehren, was ich am Anfang gesagt habe. Dieses Leben im Geist, in Vereinigung mit Christus, ist nicht eine Frage von Jahren oder des Alters. Es ist möglich, dass ihr erst gestern wiedergeboren worden seid, und dennoch seid ihr hoch oben auf dem Berg, und das ist deshalb so, weil ihr der Welt absolut Adieu gesagt habt. In dieser Sache des neuen Lebens mit dem Herrn geht ihr aufs Äußerste.

Wenn wir uns in der Welt umsehen, begegnen wir vielen Leuten, die sich Christen nennen, und das Merkwürdige ist, dass wir mit ihnen nicht über die Dinge des Herrn sprechen können. Diese bekennenden Christen öffnen ihre Augen und ihren Mund, wenn wir anfangt, von den Dingen des Herrn zu sprechen. Es ist für sie, als würdet ihr in der Sprache eines andern Landes sprechen, und der Grund dafür ist der, dass sie im Geist noch nicht von dieser Welt losgekommen sind. Lasst mich den jungen Christen sagen, dass dieser Berg vom Tag eurer Wiedergeburt an für euch ist.

Nun möchte ich etwas sehr Starkes sagen, und vielleicht ist es schwierig für euch, es zu akzeptieren. Merkt ihr, dass diese Welt unter einem Fluch steht? Gott hat über die Welt, wie sie ist, einen Fluch ausgesprochen, und wodurch drückt sich ein Fluch aus? Wo ein Fluch besteht, operiert das Gesetz der Frustration. Ihr geht einfach so und so weit und nicht weiter. Das menschliche Leben geht einfach so weit, und das ist dann das Ende. Es geht nicht hindurch bis zur Fülle und Vollkommenheit. Alles ist unvollkommen, und wird durch den Tod gehindert. Ein Mensch, von dem Jesus Christus sprach, akkumulierte große Vorräte während seiner Lebenszeit, und dann rieb er seine Hände und sprach mit sich selbst: «Seele, du kannst dich jetzt zur Ruhe setzen; du hast für dich große Vorräte angelegt, so iss, trinke und sei fröhlich». Doch Gott sagte: «Du Tor, noch diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann alles gehören, das du zubereitet hast?» (Lk. 12,20).

Der Fluch und der Tod bedeuten die Frustration aller Vorsätze des Menschen, und was auf das menschliche Leben zutrifft, gilt auch für die Welt. O, was hat der Mensch nicht alles unternommen beim Versuch, die gesunde Barriere der Frustration zu durchbrechen! Welch langer Weg hat er bis heute zurück gelegt! Wenn man euch vor fünfundzwanzig Jahren gesagt hätte, wie die Dinge heute wären, ihr hättet es nie geglaubt. Ja, der Mensch ist einen sehr langen Weg gegangen, selbst bis zum Mond - und denn legt irgend jemand seinen Finger auf einen Knopf, und schon fangen die Atombomben an, zu fallen, und sein ganzes Werk wird in einem Moment ausgelöscht. Hermon weiß um diese Möglichkeit, und das Wort Gottes hat uns sehr klar gesagt, das genau das geschehen werde. Weil ein Fluch auf dieser Erde ruht, kann sie nie zur Vollkommenheit durchkommen.

Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Wenn wir, ihr und ich, im Geist mit dieser Welt verbunden werden, werden wir unter geistlichen Tod kommen. Jeder Christ, der für den Heiligen Geist empfindsam ist, wird registrieren, dass etwas falsch ist, wenn sie diese Welt berühren, und ihre Reaktion wird sein: «Ich bin hinunter gekommen. Ich habe diese verfluchte Welt berührt, und so registrierte ich Tod in meinem Geist.»

Ihr werdet nie die Dinge Gottes sehen, solange ihr nicht über den Nebel dieser Erde hinaus gelangt. Wenn ihr ins Eigenleben hinunter kommt, dann löst das eine Frustration aus. Wenn ihr das Leben der Welt berührt, löst das eine Frustration aus, und ihr werdet die Dinge Gottes nie sehen, solange ihr nicht im Geist über diese Welt hinauskommt. Die sprache ist sehr einfach und sehr bedeutsam: «Ich war im Geist, und ich befand mich auf einem großen, hohen Berg, und dann sah ich etwas». Ihr seht, das sind geistliche Gesetze des Christenlebens, und sie sind sehr real. Ich hoffe, wir wissen etwas davon.

Möge der Herr unseren Herzen erklären, was es bedeutet, soweit es uns einzelne betrifft!


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Übersetzt von
Manfred Haller
 

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