Jüngerschaft in der Schule Christi
von T. Austin-Sparks

Kapitel 4 - Göttliches Leben, unbegrenzt durch Zeit und Raum

Bevor wir zum nächsten dieser Zeichen weitergehen, möchte ich ein wichtiges Wort einfügen. Das bedeutet nicht, dass alles, was sonst gesagt wird, nicht wichtig sei, doch dies ist insofern wichtig, als es den Anfang von allem darstellt, was wir zu sagen haben.

Wenn wir so vieles über dieses göttliche Leben sagen, dann betrachten wir es nicht als irgend ein abstraktes Element, sondern bringen es in die wahre Beziehung zum Herrn Jesus. Jesus selbst ist dieses Leben, und wir können dieses Leben nicht besitzen, ohne dass wir ihn haben. Es ist nicht etwas von der Person des Herrn Jesus Unabhängiges, und ich wäre sehr unglücklich, sollte irgendwie der Gedanke auftauchen, wir würden von irgend einer Sache, Leben genannt, als etwas von der Person von Jesus Christus Unabhängigem reden. Das Leben ist die Art und Weise, wie der Herr Jesus seine Person offenbart - es ist der Ausdruck der göttlichen Person.

Das ist eine sehr wichtige Sache, denn für Leute, die irgendwo einen Fehler finden wollen, wäre es sehr leicht, zu sagen: «Ihr setzt Leben an die Stelle der Person». Nun, wir haben uns gegen diese Anklage abgesichert. Es ist die Person des Herrn Jesus, die hier im Blickfeld steht, doch können wir diese Person nur durch den Geist des Lebens kennen, und der Heilige Geist, welcher der Geist Jesu ist, ist der Geist des Lebens. Es ist nicht so, dass irgend ein abstraktes Element namens Leben Christus ist, sondern Christus persönlich ist das leben.

Nun, da wir dies gesagt haben, können wir zum zweiten Zeichen weitergehen, das Johannes ausgewählt hat.
Lesung: Johannes 4,45-54

Der Schlüssel zu diesem Vorfall befindet sich in den Versen 52 und 53: «Er erkundigte sich bei ihnen, in welcher Stunde es mit ihm besser wurde. Da ant-wortete sie ihm: Gester um die siebte Stunde hat ihn das Fieber verlassen. So merkte der Vater, dass es genau zu dem Zeitpunkt geschah, als Jesus zu ihm sagte: «Dein Sohn lebt».

Es gibt verschiedene Gesichtspunkte, die man sich bei dieser Geschichte merken sollte, und der erste ist der, dass dieser Mann aus Kapernaum ein königlicher Beamter war, und ohne Zweifel ein Nichtjude.

Dann stellen wir auch seine Höflichkeit gegenüber dem Herrn Jesus fest. Er nannte ihn «Herr» - «Herr, komm herab, bevor mein Kind stirbt», und dies war ein Titel der Ehre und Höflichkeit.

Dann beachten wir seine Weigerung, sich durch die Art, wie Jesus ihm antwortete, beleidigen zu lassen. Manchmal hatte es den Eindruck, als antworte er den Leuten auf eine recht unfreundliche Weise. Wir sahen das auch bei der Art, wie er seiner Mutter anlässlich der Hochzeit zu Kana antwortete, als er sagte: «Frau, was habe ich mit dir zu schaffen?» (Joh. 2,4). Bei einer anderen Gelegenheit, als eine syro-phönizische Frau mit ihrer Not zu ihm kam, schien er ihr nicht sehr freundlich zu antworten. Und hier ist dieser Mann, der auf sehr höfliche Weise und mit einer großen Not zu ihm kam, und Jesus sagt nichts weiter als: «Wenn ihr nicht Wunder und Zeichen seht, so glaubt ihr überhaupt nicht». Doch wenn ihr etwas tiefer in die-se Antworten von Jesus hineinblickt, könnt ihr erkennen, warum er so gehandelt hat. Manchmal scheint der Herr sehr unfreundlich zu sein. Dabei ist er eigentlich gar nicht so, doch er merkt, dass, bevor er seine Freundlichkeit zeigen kann, es unbe-dingt notwendig ist, dass wir uns vollkommen in Klaren sein müssen, dass wir nicht einfach einen Nutzen von ihm haben wollen, sondern Ihn selbst. Es geht nicht bloß um den Glauben an das, was er für uns tun kann, sondern um den Glauben an sei-ne eigene Person. Möchten wir bloß den Segen, oder möchten wir den Herrn selbst?
Der Herr möchte stets erreichen, dass wir Ihn wollen, und genau das geschieht hier. Der Mann sagte: «Herr, komm herab. Du bist es, den ich brauche. Ich kann ohne dich nicht weiterleben. Dies ist eine Frage von Leben oder Tod». Der Herr Jesus erkannte, dass dies seine Gesinnung war - dass er nicht über Motive oder über Wunder oder Zeichen diskutieren wollte, sondern im Grunde sagen wollte: «Herr, Du bist es, den ich brauche», und darauf reagiert er immer. Manchmal scheint er unhöflich zu sein, aber das geschieht nur, um sicher zu stellen, dass unsere Herzen wirklich ihn wollen und nicht bloß einen Segen. Und bei diesem Mann war das Ergebnis dies, dass «er selbst glaubte, und mit ihm sein ganzes Haus».

Ihr habt bemerkt, dass das Wort «glauben» hier zweimal vorkommt. Als Jesus sagte: «Geh zurück, dein Sohn lebt», heißt es: «er glaubte dem Wort, das Jesus sprach», aber bei der zweiten Verwendung des Wortes «glauben» wird vollends klar, dass dies ein Glaube mit einer gewissen Einschränkung war, mit einer Schwie-rigkeit, oder mit einer Frage. Ich nehme an, dass der Mann einen Augenblick stillstand und sich folgende Frage stellen musste: «Nun, wenn ich nicht tue, was er mich heißt, dann bin ich in einer verzweifelten Situation. Es ist besser, ich glaube, was er sagt. Ich will zurückkehren und glauben, dass das stimmt, was er sagt». Aber er war noch nicht völlig überzeugt. Es gibt einen bestimmten Glauben, der noch keine Verpflichtung von ganzem Herzen ist. Am Ende jedoch heißt es: «Er selbst glaubte, und mit ihm sein ganzes Haus», und das ist ein vollständiger Glaube, die Art von Glauben, der sich mit allem, was er hat, jemandem verpflichtet.

Nun, das sind Dinge, die wir zur Kenntnis nehmen, während wir weiterfahren, doch geht es uns wirklich um diese Angelegenheit des Lebens und dessen Natur. Es braucht nicht viel, bis wir ins Herz dieses besonderen Zeichens gelangen. Es ist ein wichtiger Gesichtspunkt dieses göttlichen Lebens, doch ist es etwas sehr Einfaches.

Schaut euch die Geschichte noch einmal sorgfältig an. Wir haben gesagt, der Schlüssel zu diesem Zeichen finde sich in den Versen 52 und 53, und er besteht im Zeitfaktor. Es war ein Uhr nachmittags, als Jesus sagte: «Geh heim, dein Sohn lebt» - und der Diener antwortete: «Gestern, um die siebte Stunde». Der Mann wusste, dass es genau zu der Zeit war, als Jesus jene Worte gesprochen hatte. Der jüdi-sche Tag begann um sechs Uhr morgens, und endete um sechs Uhr abends; jene siebte Stunde war also exakt ein Uhr mittags.

Vielleicht erinnert ihr euch noch an andere Zeitangaben in den Evangelien. Als Jesus am Kreuz seinen Geist dem Vater übergab, heißt es: «eine Finsternis kam über das ganze Land bis zur neunten Stunde»(Lukas 23,44). Das war um drei Uhr nachmittags, da die Sonne eigentlich am stärksten hätte scheinen müssen.

Dieser Zeitfaktor ist äußerst wichtig, besonders bei diesem Zeichen. Der Herr Jesus sagte diese Worte um ein Uhr nachmittags, und der Mann musste noch, und dies möglicherweise zu Fuß, die ganze Reise von Kana nach Kapernaum machen. Er machte sich sogleich auf seinen langen Weg. Vielleicht setzte er um sechs Uhr, als die Sonne sich neigte, seine Reise gar nicht fort, denn in jenem Land reiste man nicht mehr nach der Dämmerung. So übernachtete er irgendwo und setzte seine Reise an nächsten Morgen fort. Seine Knechte kamen ihm entgegen. Wir wissen nicht genau, wann genau die Knechte und der Meister einander trafen, aber nun lag der ganze Rest des ersten Tages, die Nacht und ein Teil des nächsten Morgens zwischen seiner Begegnung mit dem Herrn Jesus und diesem Zusammentreffen. Und es lagen viele Meilen dazwischen - viel Zeit und eine große Distanz; eine Menge Zeit und eine Menge Geographie: Und das Leben verfügte über all das in einem einzigen Augenblick. All die Zeit und die vielen Meilen verschwanden, als Jesus seine Worte sprach. Die Sache geschah genau zu dem Zeitpunkt, da Jesus jene Worte dort in Kana sprach - das Leben trat auf den Plan.

Offensichtlich war bei diesem Knaben eine bestimmte Zeit lang der Tod eingetreten. Das griechische Wort, das seinen Zustand beschreibt, steht im Imperfekt, was bedeutet, dass er sich Schritt für Schritt dem Tode näherte. Es dauerte eine gewisse Zeit. Als der Mann kam und sagte: «Mein Knabe steht im Begriff, zu sterben», ging die Geschichte dieses Knaben ihrem Ende entgegen. Wir haben es hier also sowohl mit dem Zeit- als auch mit dem Geographiefaktor zu tun. Jesus sprach das Wort, und Zeit und Geographie spielten keine Rolle mehr. Es hätte nichts ausgemacht, selbst wenn das Kind sechstausend Meilen weit entfernt gewesen wäre, oder wenn es sich auf der Venus befunden hätte!

Dieses göttliche Leben ist ein zeitloses Leben. Es ist ewiges Leben, weil es sich im ewigen Sohn Gottes befindet.

Wie wir gesehen haben, hat Johannes uns gesagt, dass dies alles geschah, um zu beweisen, dass Jesus der Sohn Gottes war. Wie wissen wir, dass er der Sohn Gottes ist? Weil er uns ewiges Leben gegeben hat.

Probiert dies bei jemand anderem aus - vielleicht an Hindu Krishna zum Beispiel, oder an irgend einem anderen Gott in dieser Welt, und schaut, ob es eine halbe Meile entfernt noch funktioniert. Und schaut, wie lange es funktioniert. Es funktio-niert niemals, auch nicht direkt am Ort. Doch wir sind heute imstande, die Wirkung des Gebets Hunderte, ja vielleicht sogar Tausende von Meilen entfernt zu beobachten. Wenn wir etwas von der Gegenwart des Herrn Jesus und seinem Leben erfahren, dann verdanken wir dies weitgehend viele, viele Meilen entfernten Gebeten. Natürlich ist dies bloß eine menschliche Art, es darzustellen. Es braucht weder Meilen noch Stunden, was den Herrn Jesus betrifft. Seine Gegenwart bedeutet, dass all diese Dinge verschwinden. Er ist Gott, und eine von Gottes Eigenschaften ist Allgegenwart. Er ist gleichzeitig überall.

Das ist etwas, das wir nachprüfen können. Warum beten für Leute auf der anderen Seite der Welt? Weil wir glauben, dass Jesus mehr ist als Zeit und Distanz. Und sein Volk, das die Wirksamkeit des Todes kennt, kann Leben empfangen, indem sie den Herrn Jesus hier berühren. Ich habe das Gefühl, wir, das Volk des Herrn, und die Gemeinde des Herrn, haben diesen großen Wert des Lebens noch nicht genug genutzt. Wir müssen glauben, dass Leute auf der anderen Seite der Welt ihm ebenso nahe sind wie wir. Und wie nahe sind wir bei ihm? Er ist näher als unsere Hände, und näher als unser Atem.

Und er ist für sein ganzes Volk dasselbe, wo immer es sich befindet. Ich sagte, es dauere nicht lange, um ins Zentrum dieses Zeichens zu gelangen - doch was für ein wunderbares Zeichen ist es doch! Jesus braucht bloß ein Wort zu sagen, und jede Zeit und Distanz verschwindet. Der Glaube dieses vornehmen Mannes berührte den Herrn Jesus, und Er zog ihn aus ihm heraus. Er stellte diesen Glauben auf die Probe. Im Grunde sagte er: «Meinst du es wirklich ernst? Vertraust du mir wirklich? Oder möchtest du lediglich Zeichen und Wunder? Glaubst du wirklich wer ich bin?» All das steckt in diesem Test, und als dieser Mann Jesus glaubte, wenn auch auf sehr schwache Weise, griff Er diesen Glauben auf, der ja bloß einem kleinen Senfkorn glich, und durch ihn verschwand der Berg seiner Not.

Der Punkt ist der, dass Glaube stets den Herrn Jesus berührt, und so berührt er auch den ewigen Sohn Gottes, den Sohn Gottes, der größer ist als jede Zeit und Distanz.

Das ist die Bedeutung dieses Zeichens. Seht ihr, wenn wir wirklich «in Christus» sind, um die Wendung von Paulus zu verwenden, werden wir immer so gesehen, als seien wir beisammen, auch wenn wir Tausende von Meilen weit von einander entfernt sind. Der Herr Jesus sieht uns nicht als solche, die sich in diesem oder jenem oder irgend einem anderen Lande aufhalten. Er selbst ist das einzige Land in diesem Universum, und so verlassen wir unser Land und unsere eigene Nationalität, wenn wir in Christus hineinkommen. Ich denke, wir finden diesen Gedanken in der Tatsache, dass dieser Mann ein Nichtjude ist. Die Juden waren exklusiv und sagten: «Wir sind das einzige Volk, und unser Land ist das einzige Land». Jesus überschritt diese Grenzen und berührte die Welt außerhalb. Dieser Mann war ein Repräsentant von allen Nationen, denn er war ein Nichtjude. Im Herrn Jesus wurde jede irdische Trennung (Unterscheidung) beseitigt. Es gibt keine Briten, Schweizer, Deutsche, Franzosen oder Inder in Christus. Er repräsentiert eine einzige Nationalität, und das ist die himmlische. Er redet nur eine einzige Sprache, und das ist eine geistliche. Er ist das himmlische Land. Ganz gleich, was wir hier (unten) sind, in Ihm sind wir alle beisammen als ein Mensch in Christus. Alle irdischen Unterscheidungen von Raum und Zeit verschwinden in Ihm. Wir mögen viel Zeit benötigen, um in dieser Welt herumzureisen, obwohl die Menschen glauben, es sei eine wunderbare Sache, in einer Minute so viele Hunderte und Tausende von Meilen zu reisen und in sehr kurzer Zeit den Mond zu erreichen. Doch liebe Freunde, genau in diesem Augenblick in Christus können wir unsere Brüder berühren, die sechs oder sieben Tausend Meilen entfernt sind.

Das ist ein Wunder. Doch hier haben wir das Zeichen dieses Wunders. Dieses Leben ist ewiges Leben; es ist zeitlos; es kennt keine räumliche Ausdehnung; alles ist gegenwärtig, sobald der Herr Jesus gegenwärtig ist.

Lasst uns noch für einen Augenblick zurückkehren, bevor wir schließen. Johannes sagt uns, Jesus habe diese Zeichen «in Gegenwart seiner Jünger» vollbracht (Joh. 20,30), und wir haben bereits darauf hingewiesen, dass in Matthäus, Markus und Lukas des Wort «Jünger» auf aramäisch vorkommt und «Lehrling» bedeutet. Christus zu lernen heißt, dieses große Geheimnis zu lernen. Wir sind Lehrlinge in der Schule der Ewigkeit und wir müssen lernen, was Christus in dieser Hinsicht bedeutet. Natürlich wissen wir etwas darüber. Einige unter uns haben sehr reale Erfahrungen damit gemacht, dass sie für uns viele, viele Hundert Meilen entfernt gebetet haben, und dass sie bei uns im gleichen Moment erhört wurden, als sie für uns eintraten. Es ist etwas Wunderbares, das zu lernen! Das war es, was Jesus seinen Lehrlingen beibrachte. Sie waren imstande, zu sagen: «Nun, das ist wunderbar! Hier, an einem bestimmten Ort, spricht Jesus ein Wort, und schon am nächsten Tag stellen wir fest, dass sich genau zu jenem Zeitpunkt diese Sache ereignete, und dies viele Meilen entfernt».

Ich bin mir sicher, dass dies eines der großen Dinge ist, das am Anfang in die Gemeinde Eingang fand. Ihr könnt sehen, wie es im Buch der Apostelgeschichte zu wirken beginnt. Dort oben, in Joppe, befindet sich ein anderer Mann im Gebet. Das Gebet von beiden wurde zur gleichen Zeit erhört, und das Ergebnis ist dies, dass sie zusammentrafen, und Jesus wurde verherrlicht. Liebe Freunde, was sagt uns das? Sicher ist dies etwas, das der Herr in unsere Hände gelegt hat. Wenn er der Lehrmeister ist, und wir seine Lehrlinge sind, hat er dieses Werkzeug in unsere Hände gelegt und sagt: «Nun geht hin und vollbringt Dinge aus dieser wunderbaren Kraft göttlichen Lebens, das durch Gebet vermittelt wird».
Es gibt noch viel mehr in dieser Geschichte, doch ging es uns bloß darum, direkt in ihr Herz vorzustoßen. Ich glaube, der Herr hat uns sein Geheimnis offenbart, und es ist ein wunderbares Geheimnis, um es zu besitzen. Wir brauchen nicht allein zu sein, wo immer wir auch sind. O, was wissen einiger der lieben, leidenden Diener Gottes in weiter Ferne von der Hilfe des Herrn, weil wir hier für sie beten! Lasst uns das glauben und davon Gebrauch machen. Wir wollen ihm auf diese Weise Ehre bringen.

Wir wollen es damit bewenden lassen, aber wenn dies auch nur wenige Worte waren, die auszusprechen nicht viel Zeit beanspruchte, ist es doch eines der wunderbarsten Dinge, die je durch den Heiligen Geist geoffenbart worden sind. Wie groß ist doch der Herr Jesus! Zeitlos, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Keine Begrenzung des Raumes, sondern überall.


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Übersetzt von
Manfred Haller
 

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